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Full text of "HAIN 1"

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DER Nächste MAIN BRıInT... 


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? 
...den GEHÖRNTEN GOTT : Das religionshistorische Porträt eines 
Gottes, der zum Teufel gemacht wurde. 
zeitschrift für heidentum und naturrelioi 
...HEXENSALBEN : Legenden und Wirklichkeit. | SER religion 
...den PROZESS IN MOABIT : Wie es zum Verbot des Thelema-Ordens kam. nr. I 2,50 dm 


„..das OSTER-FEST : Rituale, Mythen und Kultbräuche zum Erwachen des 
Jahres. 2 WAS IST EIN HEIDE? 







...Meditationsübungen, Wetterregeln, den zweiten Teil des BERSERKERS 
und noch so manches mehr. # 


DAS RAD DES JAHRES 

ODIN ALS SCHAMANE 
x 

DER BERSERKER 


KULTSTÄTTEN 








INHALT 


EdEborkat „neuesten nun nenne urn 


Gruppen: 
Was ist ein Heide? „.ooooonecnnosnnenenenennnnnnenenn nn... 
Neuheidentum im Deutschland der Gegenwart seseneennenene» 


Essay: 
Magie ist es, in Harmonie mit Mutter Erde zu leben ......» 


Kult: 
Die heilige Nacht sono nsnsnenennnsnnnn nennen nee anne ane 
Das Rad des Jahres zencsnuinssssenenosensen nn nenn nee 


Natur: 
Die Mistel „.ossensseenunseunensen nn nn 


Die Eibe ...,0enunende use here 


Fantasy: 
Der Berserkaefl „ur ..souenne asus een“ 


Kultstätten: 
Kultstätten desiHasrzes sense nude ne nenne 


Der Scharfe Berg „oe. 00000000nen0nnnnn0n 00 nn nn 00000000. 


Mythologie: 
Odin: als: Schande s.asä. 0 0 0ncs cn snsne ns. nie unseren 


Kontakte: sr ke susanne sn nann see ee“ 


Impressum woaooseosaususnnnnenen nun uses 


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Liebe Leserin! 
Lieber Leser! 


Ein "Hain" war in alten Zeiten 
ein heiliger Wald, ein Platz, wo 
man die Naturkräfte besonders 
spüren konnte, wo man mit den 
Göttern in Verbindung trat, ein 
Ort der Kraft und der Heilung. 
Aber er war auch eine Versamm- 
lungsstätte, hier konnte man 
gleich oder ähnlich Gesinnte 
treffen, konnte Erfahrungen aus- 
tauschen, lernen und lehren oder 
sich einfach nur an der Vielzahl 
der Stimmen und dem dennoch 
allgegenwärtigen Frieden erfreu- 
en. 

Für eine Zeitschrift ist 
dieser Anspruch natürlich sehr 
hoch gegriffen, aber wir bemühen 
uns, zumindest einen Schatten 
dieser Atmosphäre einzufangen 
und hier wieder-zu-geben. Denn 
der HAIN soll eine Versammlungs- 
stätte sein! Er soll den Aus- 
tausch fördern zwischen all den 
verschiedenen, verstreuten, z.T. 
sogar gegensätzlich gesonnenen 
heidnischen, naturreligiösen 
Gruppen des deutschsprachigen 
Raumes, zwischen Hexen und Wi- 
kingern, Germanen und Indianern, 
Esoterikern und Naturfreaks und 
was da sonst noch alles ist. Wir 
wollen die Vielfalt, aber auch 
die Kommunikation, wir wollen 
die eigene Freiheit, aber auch 
die Verbindung mit anderen. Wir 
achten jedoch genauso jene, die 


lieber im stillen Kämmerlein 
bleiben, und wir freuen uns 
ebenso über die Leser, die sich 
überhaupt erst einmal informie- 
ren wollen, was "Heidentum" ist, 
oder die sich nicht als "Heiden" 
bezeichnen, aber dennoch für 
unsere Artikel interessieren. 

Ihnen allen ein herzliches 
Willkommen in der "Zeitschrift 
für Heidentum und Naturreli- 
gion"! 








Als wir beide (d. Red.) uns 
im Sommer trafen und beschlos- 
sen, eine heidnische Zeitung zu 
starten, war uns allerdings 
nicht nur die Kontaktarmut der 
derzeitigen Scene ein Dorn im 
Auge, sondern wir vermißten auch 
ein Magazin, welches das bringt, 
was uns als Heiden so interes- 
sieren kann: die ganze Spann- 












































breite an Themen von Mythen, 
Märchen, Kult, Meditationsübun- 
gen, über Volksbrauchtum, bis 
hin zu aktuellen Geschehnissen, 
bis hin zu Naturkunde, Ökologie, 
Biologie und zu aktivem 
Umweltschutz. Heidentum ist Re- 
ligion, aber eben nicht nur 
Religion. 

Aber auch, wenn religiöses 
Nachsinnen oft zu politischen 
Konsequenzen führt - besonders, 
wenn im Zentrum der Religion die 
Natur steht - betrachtet sich 
der HAIN als politisch ungebun- 
den. Wir sind uns der momentanen 
Kontakte von Teilen des Heiden- 
tums zu verschiedenen politi- 
schen Richtungen linker oder 
rechter Gesinnung bewußt, propa- 
gieren aber ebensowenig auf po- 
litischem wie auf religiösen 
Gebiet eine bestimmte Weltan- 
schauung. 

Der HAIN erscheint jedes 
Vierteljahr, und zwar zu den 
Sonnenwenden und den Tagund- 
nachtgleichen (d.h. im März, 
Juni, September und Dezember). 
Er erscheint in verschiedenen 
Buchläden oder wird direkt ver- 
sandt. Sein Umfang beträgt 
mindestens 50 Seiten und ein 
Jahresabonnement (= 4 Ausgaben) 
kostet 10,- DM (+ 3,50 DM Ver- 
sandkosten). Da wir alles im 
Eigenvertrieb und auf eigene 
Kosten machen, sind wir stark 
auf Abonnenten angewiesen - und 
auf Mundpropaganda. Also, wenn 


Euch der HAIN gefällt und Ihr 
kennt noch jemanden, dem er auch 
gefallen könnte, dann würdet Ihr 
uns sehr damit helfen, wenn Ihr 
ihn auf unsere Zeitschrift auf- 
merksam macht. Und 2,50 DM sind 
doch wirklich nicht zuviel ver- 
langt, oder? 

Über Leserbriefe, Kritik 
und Anregungen würden wir uns 
auch sehr freuen, und wer Lust 
hat, selbst die Feder in die 
Hand zu nehmen und einen Artikel 
oder einen Essay zu schreiben, 
ist uns willkommen. Da eine der 
Aufgaben des HAINs darin be- 
steht, Verbindungen zu schaffen, 
drucken wir Kontaktadressen von 
Gruppen oder 
kostenlos ab. 

Viel Vergnügen beim Lesen 
wünschen Euch 


Einzelpersonen 


Michael Frantz 
Matthias Wenger 





Was ist ein Heide ”? 


"Na, und was machst du 
sonst so zur Zeit?" fragt mich 
mein Onkel jovial. Ich sitze 
gerade im anderen Deutschland, 
genauer gesagt im Kreise und im 
Garten meiner Verwandten auf 
einem Gartenstuhl und genieße 
Kola und Nachmittagssonne. 

"Ach, ich bin endlich aus 
der Kirche raus. Schließlich war 
ich ja schon immer irgendwie 
Heide..." 

"Bitte?!!" Mein Onkel kippt 
fast vom Stuhl. "Etwa wie die 
Genossen bei uns?" 

"Jie?!!" Jetzt kippe ich. 
"Eure Parteifunktionäre sind 
doch keine Heiden!" 

"Natürlich. Jedenfalls be- 
haupten sie das immer im Fern- 
sehen." 

"Unsinn. Für die sind die 
Götter doch nur gesellschaftli- 
cher Überbau, während ich die 
Götter verehre." 

"Jo ist da der Unter- 


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schied?" 

Ich unterdrücke den Wunsch, 
meinen Lieblingsonkel zu erwür- 
gen, und bringe lieber einen 
Gag: Der Heide ist noch viel 
weniger ein Atheist wie der 
Christ, weil der Heide viele 
Götter hat und der Christ nur 
einen. Ha ha. 

Umsonst. Entweder war der 
Gag doch nicht so gut, wie ich 
dachte, oder es ist zu sehr 
allgemeines Sprachgut geworden, 
alles nicht-christliche pauschal 
als "Heidentum" zu bezeichnen. 

Zu Hause, auf der anderen 
Seite, mache ich mir meine Ge- 
danken. Wie ist es möglich, daß 
ein inneres Verhältnis zur Natur 
und ihren Kräften/Göttern kur- 
zerhand mit Atheismus ("a-theos" 
= "ohne Gott") zusammengeworfen 
wird? Oder gar mit anderen Reli- 
gionen, die - wie das Christen- 
tum - an einen einzigen Gott 
glauben? 


AN 


























Nun halte ich es weder mit 
Jehova, dem Jähzornigen, noch 
mit dem Siegel der Propheten. 
Sympathischer erscheint da schon 
die grundsätzliche Toleranz der 
Buddhisten, in der Naturverbun- 
denheit der Daoisten fühle ich 
mich noch wohler und sobald die 
vielen tausend Götter der Hindus 
auftauchen, bin ich da angekom- 
men, wo ich hinwollte: Hier bin 
ich Mensch, hier darf ich's 
sein... 

So allmählich dämmert mir, 
daß die Kirche im Laufe der 
Jahrhunderte den Begriff, den 
sie einst selbst prägte, mißver- 
standen hat - und damit mißver- 
stand ihn auch die manipulierte 
Bevölkerung. Als sich Kirche und 
Christentum im 4.Jh.u.Z. unter 
dem Schutzmantel der Cäsaren 
ausbreiteten, waren die Nicht- 
Christen, die es zu bekehren 
galt, vorwiegend Anhänger der 
uralten Naturgötter, verehrten 
diese "draußen", in der Natur, 
in der "Heide" (="unbebautes, 
wildes Land"). Daher die Gleich- 
setzung "Heide" = "Nicht- 
Christ".Ähnlich verhält es sich 
übrigens mit dem englischen Wort 
"pagan" (="Heide; heidnisch"). 
Es stammt vom lateinischen "pa- 
ganus" ab (="ländlich; Dorfbe- 
wohner"). 

Wenn wir das Wort "Heide" 


also von seiner Wurzel her be- 
trachten, ist ein Heide ein 
Anhänger einer Naturreligion. 


Die Arunta Australiens, die 
Samojeden Sibiriens, die India- 
ner, die Masai, die Bambuti - 
sie alle sind Heiden. Die Germa- 
nen, die Kelten, die Slawen, die 
alten Griechen und Römer waren 
Heiden. Diese Völker gibt es 
nicht mehr. Aber es gibt wieder 
Heiden in Europa. Die einen 
verehren bestimmte Götter oder 
Geister, die anderen schlicht 
die Natur selbst. Aber trotz 
aller Unterschiede sind sie 
durch viele Dinge vereint. 

Klingt ja schon ganz gut. 
Aber stimmt's auch? Vielleicht 
habe ich etwas übersehen. Also 
beschließe ich, andere Heiden zu 
fragen, was wir eigentlich über- 
haupt sind. 

Thorgaard antwortet mir auf 
die Frage "Wer ist Heide?" mit 
drei langen Sätzen: 

"Jeder Mensch, der die 
göttlichen Kräfte in seinem In- 
neren und zugleich in der Natur 
bewußt erkennt und eine Verbin- 
dung mit ihnen anstrebt. Jeder, 
der sich der Wirklichkeit dieser 
Kräfte so annähert, sie so in 
sein Leben einbezieht, wie es 
auch die alten, naturreligiösen 
Kulte taten, die die Göttinnen 
und Götter mit ihren urzeitli- 
chen Riten verehrten. Jeder Mann 
und jede Frau, die die Holzwege 
der monotheistischen Weltreli- 
gionen hinter sich gelassen ha- 
ben, die die Erde und den Himmel 
in gleichem Maße lieben und 


Pflegen." Und er setzt hinzu: 
"All diesen Menschen wird das 
kommende Äon des Wassermanns 
gehören." 





Die LIEBENDEN 


€ 





Der nächste, den ich frage, 
ist Geza v.Nemenyi. Er ist Lei- 
ter der "Heidnischen Gemein- 
schaft e.V.", die sich vor allem 
mit der Religion der alten Ger- 
manen beschäftigt und versucht, 
diese wiederzubeleben. Er ant- 
wortet knapp: "Ein Heide ist 
jemand, der die heidnischen Göt- 
ter verehrt und der seinen Kult 
draußen (in der "Heide") macht." 
Letzterem fügt er allerdings 
hinzu, daß auch ein Tempel 
benutzt werden darf, "wenn er 
extra für die heidnischen Götter 
errichtet wurde und der Kult 
ansonsten oft draußen stattfin- 
det." Er wehrt sich damit gegen 


jene umfunktionierten Wohnzim- 
mer, in denen ein Hausaltar 
steht und die deswegen von ihren 
Bewohnern als "Tempel" bezeich- 
net werden. 

Außerdem merkt er an, daß 
in den isländischen Sagas die 
Heiden als "Blotarmenn" bezeich- 
net werden, was auf einen 
ursprünglichen Zusammenhang von 
Opfern und Beten hindeute. Als 
Opfer will er bloße Kulthand- 
lungen nicht anerkennen, denn 
"die hat die Kirche ja auch 
nicht verfolgt, sondern sich 
einverleibt. Das Opfern dagegen 
wurde verfolgt. Also ist es 
sozusagen der Kern der ganzen 
Sache." 

Am Schluß des Interviews 
tritt er noch einmal entschieden 
für ein traditionelles, histo- 
risch begründetes Germanisches 
Heidentum ein und wehrt sich 


- dagegen, daß verschiedene Coven 


des Hexenkults der Wicca als 
Nachfolger der Germanischen Re- 
ligion aufträten. Schließlich 
hätte es bei den Germanen keinen 
Gehörnten Gott gegeben und die 
Große Mutter (Frigga) sei auch 
nur eine Göttin unter anderen 
gewesen. 

Auf diesen Teil des moder- 
nen Heidentums neugierig gewor- 
den, schreibe ich eine andere 
germanisch ausgerichtete Gruppe 
an, den Armanen-Orden. Sigrun 
Frfr. v.Schlichting, deren Lei- 
terin, meint: "Heiden sind im 

















Grunde genommen alle natürlichen 
Menschen...» Ein natürlicher 
Mensch wird in seiner Heimat 
geboren. Diese Heimat ist sein 
Kulturkreis, d.h. jenes Großge- 
biet unseres Planeten, in wel- 
chem sich die Urtypen seines 
Wesens entwickelt haben... 
Diese, durch die Natur von den 
anderen stark und deutlich un- 
terschiedenen Großgemeinschaften 
(von Mensch, Tier, Pflanze, 
Landschaft, Klima, Bodenschätzen 
und inneren Erdorganen oder 
Kraftwirbeln), Kulturkreise 
genannt, sind wiederum Großlebe- 
wesen, die in verschiedene 
natürliche Organe zur Selbster- 
haltung untergliedert sind. 
Gemeinsam bilden sie ein Ganzes, 
sind aufeinander fein abge- 
stimmt, deshalb aufeinander an- 
gewiesen und voneinander abhän- 
Gißsas" 

"Ein Heide ist deshalb ein 
Mensch, der in einem Stammesge- 
biet seines Kulturkreises gebo- 
ren wurde, bei seinen leiblichen 
Eltern ebendort aufwuchs und von 
ihnen die ungebrochenen Bezie- 
hungen zur Erde, zum Himmel, den 
Ahnen und Göttern seiner Heimat 
übernimmt und in den Künsten und 
Idealen dieser Tradition auf- 
wächst. Deshalb ist ein Heide 
auch ein glücklicher, gesunder, 
edler Mensch und seine Heimat 
ein Paradies..." 


"...Deshalb können Heiden 
mit anderen Heiden zusammen (aus 
anderen Kulturkreisen, sofern 
sie ihre angestammte Kultur 
nicht aufgeben), deren Religion 
natürlicherweise immer Naturre- 
ligion ist, immer an der Wieder- 
herstellung der natürlichen 
Ordnung, der heilen Welt, des 
Paradieses arbeiten und dafür 
die Arme der Götter herbeirufen. 
Deren Gegner aber werden sie 
weiterhin, wie seit Jahrtausen- 
den, aus ihren Paradiesen zu 
vertreiben suchen, den Tod ver- 
herrlichen, Marterpfähle (Kruzi- 
fixe) heiligen und in aller 
Öffentlichkeit aufstellen, Kir- 
chen (= Kerke, Kerker) bauen, 
die Frauen und damit die Natur, 
die Liebe und den Körper verach- 
ten und Zwangsmaßnahmen jeder 
nur denkbaren Art einführen. 
Erst wenn alle Menschen erkannt 
haben, daß ohne die Natur, das 
HEIDENTUM, nur noch der Tod 
regiert (ob in Form von Schei- 
terhaufen, Atomkraftwerken oder 
dem Fällen der Regenwälder), 
werden sie sich wieder auf die 
Seite des Lebens stellen und 
selbst wieder Heiden werden, wie 
es ihre Vorfahren in allen 
Kulturkreisen der Erde seit 
Jahrtausenden waren. Eine kost- 
bare Erkenntnis - die auch heute 
noch ganz schlicht über Sein 
oder Nichtsein entscheidet." 


Nach dem Armanen-Orden ver- 
suche ich es bei den Wikingern. 
Diese aus England gekommene Be- 
wegung wird hierzulande von ver- 
schiedenen kleinen Gruppen ver- 
treten, deren Mitglieder vor 
allem an ihren historischen 
Rüstungen und Gewändern basteln, 
sich mit mittelalterlichen Waf- 
fen Schaukämpfe liefern und ger- 
ne Met trinken. Die meisten von 
ihnen sind allerdings Heiden. 
Als einer ihrer Gründerväter in 
Deutschland gilt Harry Radegeis 
("Gunnar, der Rugier"). 





Dieser antwortet auf meine 
Anfrage mit einem kleinen philo- 
sophischen Vortrag: "Von der 
grundsätzlichen Erkenntnis aus- 
gehend, daß eine göttliche 
Ursubstanz sich evolutionär auf- 
spaltet und zu immer größer 
werdender Vielfalt neigt, sehen 
wir in den erkannten Naturge- 


setzen den Schöpfungsauftrag..." 
Dieser müsse (als eine Art 
"Pflicht" zur Höherentwicklung) 
vom "fast unbewußten Stein" in 
verschiedenen Wiedergeburten 
über den Mensch, über Götter 
einzelner Planeten und Götter 
ganzer Sonnensysteme bis hin zu 
einer "fernen Vollkommenheit" 
verfolgt werden. "...Auf immer 
anderen Bewußtseinsebenen werden 
analoge Dinge erlebt und ver- 
schieden verarbeitet, was das 
Leben zu einer Zeitspirale wer- 
den läßt... Das wikingische 
Kriegerpriestertum basierte hin- 
gegen auf der "fulltrui" - einem 
gegenseitigen Freundschafts- und 
Beistandspakt zwischen Gottheit 
und Mensch..." 

Zu diesen Ausführungen 
(kompletter Text kann beim HAIN 
angefordert werden, das gleiche 
gilt für die Aussage von Sigrun 
und alle anderen Aussagen, die 
an dieser Stelle leider nur 
auszugsweise wiedergegeben wer- 
den konnten) fügt er hinzu: 
"\jenn man dies beachtet und weiß 
und bei allen seinen Überle- 
gungen und Taten in Rechnung 
stellt, wird man sich wohl mit 
Fug als Heide bezeichnen dür- 
fen." Boshaft meint er noch: 
"Man kann es auch negativ defi- 
nieren: Alle heutigen bedroh- 
lichen Zustände sind auf das 
Fehlen heidnischer Religion 
zurückzuführen." 








Nicht so metaphysisch fällt 
die Antwort eines anderen Wikin- 
gers ("Baduila, der Ostgote") 
aus: "Heidnisch im germanischen 
Sinne sind Frauen und Männer, 
welche die alten Hochgötter und 
-göttinnen der Stämme und andere 
Naturwesen wie die Disen vereh- 
ren und ihnen opfern, sowie sich 
der alten religiösen und recht- 
lichen Ordnung unterwerfen. Der 
Heide lebt als Bestandteil sei- 
ner Sippe, welche höher als die 
Einzelexistenz bewertet wird und 
seine Existenzgrundlage dar- 
stellt. Verbindliche Rechts- und 
Religionsgemeinschaft stellt der 
Stamm dar; Rechtsbruch bedeutet 
Friedensbruch, Frieden im germa- 
nisch-heidnischen Sinne ist je- 
doch Vorraussetzung für ein Le- 
ben im Einklang mit den Göttern. 

Das germanische Heidentum 
ist keine bloße Natur- bzw. 
Fruchtbarkeitsreligion, da es 
von der Existenz personifizier- 
ter Götter ausgeht, welche in- 
nerhalb und außerhalb der Seele 
wirken. Das Bekenntnis zu stam- 
mesfremden Religionen galt als 
Verrat am Stamm und seiner 
Ordnung bzw. Sippenschande; ge- 
genüber Stammesfremden wird je- 
doch religiöse Toleranz prakti- 
ziert. 

Der Heide geht von einem 
vorherbestimmten Schicksal, 
einem Leben nach dem Tode bzw. 
Wiedergeburt aus, ist zugleich 
von einer unbedingten Lebensbe- 


jahung erfüllt, dieses bedingt 
seinen ausgesprochenen Existenz- 
willen wie auch seine Todesver- 
achtung. 

Grundlegend für den Heiden 
ist, daß er sein eigenes, per- 
sönliches Verhältnis zu seinen 
Göttern bzw. einzelnen Gotthei- 
ten hat (fultrui-Verhältnis). 
Die Religion ist somit für den 
Heiden nicht bloßer Überbau, 
sondern Basis seiner Gesell- 
schaftsordnung." 

Nach diesen vielen Germanen 
interessiert mich, was die Kel- 
ten denn so auf Lacer haben. 
Deren Traditionen werden heut- 
zutage vorwiegend von Hexenzir- 
keln des Wicca-Kults (sogenann- 
ten "Coven") vertreten. Das 
heißt allerdings nicht, daß alle 
keltisch gesonnenen Heiden 
Wiccas wären, noch daß die 
Wicca-Bewegung nicht auch genau- 
so gerne andere Traditionen auf- 
greift. Genaugenommen behaupten 
die Wiccas lediglich, in einer 
ungebrochenen Schamanentradition 
zu stehen, die über die verfolg- 
ten Hexen des Mittelalters, die 
heidnischen Priester der Bronze- 
zeit bis hin zu den Stammeszau- 
berern der ersten Menschen Euro- 
pas reicht. Db das nun histo- 
risch beweisbar ist oder nicht, 
kümmert die Wiccas selbst sogar 
recht wenig, praktische, tätige 
Religionsausübung (zu der sie 
Meditation und Magie fest dazu- 
zählen) steht ihnen höher als 





"Bücherwissen". Dementsprechend 
offen und tolerant stehen sie 
allem Neuen gegenüber, was ihnen 
allerdings von Seiten ihrer Geg- 
ner auch schon den Vorwurf der 
Konturenlosigkeit eingetragen 
hat. Ob das stimmt oder nicht, 
will ich an dieser Stelle nicht 
ausdiskutieren, die Frage lautet 
ja "Was ist ein Heide?" und als 
erstes stelle ich sie der Wicca- 
Hexe Taradiana. 

Spontan sagt diese, daß sie 
sich als "Heidin" bezeichnet, 
weil sie nicht der hiesigen 
kirchlichen Religion angehört 
und sich durch dieses Wort mit 
all jenen solidarisieren möchte, 


die von der Kirche verfolgt und 
als "Heiden" beschimpft wurden - 
den Anhängern der Alten Götter 
nämlich. Ihrer Auffassung nach 
ist die christliche Religion 
ziemlich patriarchalisch, wäh- 
rend die Alte Religion der 
Großen Göttin eher matriarcha- 
lisch war. Dementsprechend be- 
deutet "Heide sein" für sie 
auch, gegen den patriarchali- 
schen Staat und seine Strukturen 
zu sein und auf eine Veränderung 
zu hoffen. So gesehen wäre Hei- 
dentum nicht nur eine Religion, 
sondern besäße genauso eine 
"weltliche" Komponente. Geisti- 
ges und "Weltliches" ließe sich 
ohnehin nicht voneinander tren- 
nen. Daß Heidentum auch eine 
Lebenseinstellung ist, bestätige 
sich durch einige Verpflichtun- 
gen: Es genüge nicht, einfach 
"Heide zu sein", sondern man 
müsse aktiv mitwirken bei der 
Heilwerdung der Natur (Stich- 
wort: Umweltzerstörung), aber 
auch bei der Heilwerdung des 
eigenen Selbst. Man müsse sich 
bemühen, in Harmonie mit der 
Natur zu gelangen, mit ihr eins 
zu werden. 

Auch für Gwydian, einem 
Wicca aus einem anderen Coven, 
gehört zum "Heide sein" Wider- 
stand zu leisten "gegen jene 
selbstherrlichen, selbsternann- 
ten Statthalter eines größen- 
wahnsinnigen, eifersüchtigen 
Rachegottes, die sich noch immer 








"die Erde untertan" machen wol- 
len." Aber vor allem heißt für 
ihn "Heide sein": ",...wieder 
Religion auf ihren alten Sinn 
zurückzudrehen. Lateinisch "re- 
ligio" im Sinne von "Rückbin- 
dung". Rückbindung mit den Ster- 
nen, den Göttern, den Ahnen, den 
Pflanzen, Tieren und Steinen; 
den ganzen Kosmos wieder als 
pulsierendes, lebendes Ganzes zu 
empfinden. Dies kann sich äußern 
in Meditation, in Magie,im Lau- 
fen im warmen Gewitterregen, in 
der tiefen Verbundenheit und 
Wärme im Coven oder in wilder, 
göttlicher Ekstase..." 





12 


"...Heide zu sein heißt im 
alltäglichen Bereich zunächst 
einmal, allen Gurus, Messiassen 
und Avatars oder sonstigen "ab- 
soluten Führern" und ihren "ab- 
soluten Antworten" abzuschwören. 
Man bekommt nichts versprochen, 
kein glorioses Leben im Jen- 
seits, keine schnelle Seelig- 
keit, keine Macht und keinen 
Reichtum. Das ganze ist ein 
Abenteuer, was man bekommt, sind 
Fragen über Fragen, die man für 
sich beantworten muß, und Ver- 
antwortung für sich selbst. Aber 
gerade darin liegt die Freiheit! 
Die Freiheit, sein Schicksal 
selbst in die Hand zu nehmen, 
das Abenteuer zu leben wieder zu 
spüren, schlicht Mensch zu 
sein..." 

Als letzte Etappe dieses 
kurzen Streifzuges in die Welt 
der Hexen schlage ich das "He- 
xenbuch" des Goldmann-Verlages 
auf (die Autorinnen und Autoren 
zogen es aus Angst vor Repressa- 
lien vor, amonym zu bleiben). 
Dort steht zum Thema "Heiden- 
tum": "Es gibt Hexen und es gibt 
Heiden ("Neuheiden" nennt sie 
der Religionswissenschaftler). 
Heiden verehren die Alten Götter 
und pflegen vor allem die 
Mystik, fast nie jedoch üben sie 
Zauber aus oder betreiben die 
Magie der Naturkräfte. Wer Heide 
ist, muß deswegen noch lange 
nicht auch Hexe sein. Die mei- 
sten Hexen dagegen sind jedoch 


auch Heiden. Es sind auch Mysti- 
ker darunter, tiefreligiöse Men- 
schen, denen die Magie neben- 
sächlich erscheint. Dennoch ver- 
fügen sie über magisches Wissen 
und über magische Erfahrung - 
denn Hexe sein heißt immer auch, 
den Weg der Tat zu beschreiten. 
Die wenigsten von uns interes- 
sieren sich sonderlich für hoch- 
trabende philosophische Systeme, 
wir nutzen zwar unseren Intel- 
lekt, wo dies angebracht er- 
scheint, doch gilt er uns als 
Diener, nicht als Herr." 

Nach den Hexen interessiert 

mich die Aussage eines "echten" 
Kelten und so lasse ich mir von 
dem französischen Heiden Bo jorix 
eine Antwort auf meine Frage 
geben. Diese besteht in einem 
kleinen Manifest, in dem Bojorix 
seine Auffassung von "UNSERE 
WELTANSCHAUUNG" darstellt: 
"1) Wie die Monotheisten glauben 
wir an eine einzige Urenergie, 
die wir "das Ur" nennen. Aber in 
der Verdichtung und Teilung die- 
ser Urenergie erblicken wir kei- 
nen Verfall, sondern im Gegen- 
teil eine höhere Entwicklung, 
denn nur die räumliche Begrenzt- 
heit ermöglicht Formen und 
Schönheit, wie die zeitliche 
Begrenztheit (also der "Tod") 
das Gefühl der Zeit und das 
Bewußtsein ermöglicht. Deswegen 
nennen wir uns Heiden und Poly- 
theisten. 


2) Die Religion ist weder eine 
Nebensache im Leben, noch steht 
sie über dem stofflichen Leben - 
sondern sie ist dessen Seele, 
Gesetzgebung und Triebfeder. 

3) Wir sehen in allen Lebensvor- 
gängen, Konflikte einbegriffen, 
das Spiel einer Polarität vom 
Männlichen und Weiblichen, und 
nicht einer Polarität des 
"Guten" und "Bösen". Dementspre- 
chend glauben wir an keine Para- 
diese oder Höllen, sondern an 
Nietzsches Satz: "Glück und Leid 
sind Zwillinge, die zusammen 
groß werden, oder ebenso zusam- 
men klein bleiben." 

4) Wir empfinden die Zeit als 
"einen ewigen Ring der Ringe" 
und lehnen den geradlinigen 
Zeitbegriff der Wüstenreligionen 
ab. 

5) Wir erkennen der Frau und dem 
Weiblichen im Allgemeinen eine 
göttliche Sakralität zu. Dem 
Mann und der Frau erkennen wir 
so den gleichen Wert zu, was 
aber gar nicht die Gleichberech- 
tigung bedeutet, da jedem Ge- 
schlecht seine Veranlagung an- 
dere Rechte und andere Pflichten 
zuschreibt. 

6) Wir fühlen uns nicht als 
Sünder, sondern als verantwort- 
liche Träger einer göttlichen 
Gesetzgebung, welche in den 
Naturgesetzen (Biologie und Phy- 
sik) zum Ausdruck kommt. Unsere 
Pflicht besteht darin, zur Ver- 
edelung der Umwelt beizutragen. 


13 


























Darum lehnen wir den lebens- 
feindlichen Gott der Wüstenreli- 


gionen entschieden ab: Wir wol- 
len keinen Richtergott, weil wir 
uns nicht schuldig fühlen. Wir 
wollen keinen Heiland, weil 
unsere Würde verlangt, daß wir 
unser Los selbst austragen. Wir 
wollen keinen "guten Hirten", 
weil wir keine Schafe sind. 

7) Wir erheben den Anspruch, als 
Religion anerkannt zu werden, 
und auf konkrete Möglichkeiten, 
unsere Anschauungen über die 
Genesung des heutigen Menschen 
allgemein bekannt zu machen." 

Zu guter Letzt soll Mato 
sprechen, ein Lakota-Indianer 
und Regenbogen-Krieger. Er ver- 
tritt in diesem Artikel gleich 
zwei heidnische Richtungen: ein- 
mal (als Lakota) eine Menschen- 
gruppe, die eigentlich in Europa 
gar nicht heimisch ist, deren 
Denken und Fühlen aber dennoch 
immer stärker das hiesige Hei- 
dentum inspiriert, andererseits 
(als Regenbogen-Krieger) all 
jene, die sich im Zuge der mo- 
dernen New-Age-Bewegung nicht 
einer bestimmten Kultur oder 
Tradition zurechnen lassen wol- 
len, sondern nach dem Sitting- 
Bull-Wort vorgehen: "Nimm aus 
den Religionen das, was gut ist, 
und laß liegen, was schlecht 
ish," 


14 





Mato sieht als Kern des 
Heidentums an, daß sich der 
Große Geist in der Natur offen- 
bart und nicht in Personen 
(historischen wie erfundenen). 
Außerdem sollte ein Heide den 
Menschen als Bestandteil - und 
nicht als Beherrscher - der 
Natur sehen. Daraus folgt aller- 
dings auch ein stetiges Bemühen 
um Balance. "Es geht nicht," so 
Mato, "daß man ständig nur 
nimmt. Man muß auch geben. Auch 
bei den Geistern ist nichts 
umsonst. Sieh dir die Zeremonien 
an: Da gehen die Leute hin und 
bitten "Großer Geist, gib mir 
dieses, Großer Geist, gib mir 


jenes!", aber sie selber geben 
nichts. Vielleicht bedanken sie 
sich noch, aber das war dann 
auch alles." 

Nach Matos Auffassung muß 
ein Opfer an den Großen Geist 
auch wirklich ein Opfer sein 
d.h. es muß als Verlust spürbar 
sein. Einige Körner oder Kekse 
auf dem Altar oder etwas Wein 
(Bloß nicht zuviel!), lieblos in 
den Wald geschüttet, sind für 
ihn keine Opfer. Aber ein Opfer 
muß nicht nur dem üOpfernden 
fehlen, es muß vor allem auch 
wirklich dem Großen Geist zu 
gute kommen d.h. den Pflanzen, 
Tieren und Mineralien, die ihn 
in diesem Fall vertreten, denn 
der Große Geist setzt sich - 
laut Mato - aus der Tiernation, 
der Pflanzennation, der Minera- 
liennation und der Menschenna- 
tion zusammen. Dementsprechend 
sollte die Gabe eines Menschen 
den drei anderen Nationen nüt- 
zen, von denen der Mensch ja 
ansonsten nimmt. Ein gangbarer 
Weg zu opfern wäre z.B. der Ver- 
zicht auf Essen für eine gewiße 
Zeit. Die Nahrungsmittel, die 
man in dieser Zeit verbrauchen 
würde, könnte man den Tieren und 
der Erde (und damit den Pflanzen 
und Mineralien) überlassen oder 
man könnte das Geld, was man 
ansonsten für Essen verbraucht 
hätte, für irgendetwas verwen- 
den, das Pflanzen, Tieren und 
Mineralien zu gute kommt. 


So, liebe Leser, vielleicht 
war unter diesen vielen Defi- 
nitionen des "Heiden" die eine 
oder andere darunter, die euch 
zusagte, vielleicht waren auch 
welche darunter, die ihr aus 
eurem eigenen Empfinden und Ver- 
stehen heraus ablehnt, viel- 
leicht ist euch die Bezeichnung 
"Heide" klarer geworden, viel- 
leicht seid ihr aber auch nur 
verwirrt von den vielen und z.T. 
gegensätzlichen Meinungen. Wenn 
das der Fall ist, bedenkt bitte, 
daß eine einheitliche Doktrin 
oft das Kennzeichen totalitärer 
Systeme ist und daß unsere Stär- 
ke gerade in der Vielfältigkeit 
der verschiedenen Richtungen 
liegt, in der fruchtbaren Kri- 
tik, die wir aneinander üben und 
in der absolute Dogmen ein 
schlechtes Rennen haben, und in 
der Toleranz gegenüber anderen 
Göttern, Philosophien und 
Kulten als den eigenen. Oder, 
wie es Geza v.Nemenyi bei einem 
Glas Wein mir gegenüber einmal 
ausdrückte: "Heidentum? Das ist 
Vielfalt statt Einfalt!" 


Michael Frantz 


15 




















» MAGIE is es, in Harmonie mit Mutter Erde zu leben. « 


Ein meditativer Essay von Arivey J. Kronshage 


Ich werde hier von Magie spre- 
chen! Nicht von der Magie des 
Illusionisten, sondern von der 
Magie unserer Mutter Erde, die 
uns hinführt zum ganzheitlichen 
Verständnis der Welt. 

Es ist die Magie von Sonne 
und Mond; die Magie der Planeten 
und Sterne. Ich will von der 
leisen Sprache unserer Mutter 
Erde reden. Vom Flüstern des 
Windes, vom Raunen und Knarren 
der Bäume, vom Plätschern des 
Baches, vom Weben des sichtbaren 
und unsichtbaren Nebels und von 
der sehr leisen Sprache der 
Steine, die trotzdem sehr nach- 
drücklich und kräftig ist und 
den längsten Bestand hat. 

Auch von dir will ich spre- 
chen und den Stimmen in dir: Vom 
Rauschen des Blutes, vom Pochen 
des Herzens, vom Strömen des 
Atems und letztlich auch von den 
Gedanken... 

Ich will ein Lied singen 
vom Werden, Sein und Vergehen 
und vom Neuentstehen. Das Lied 
unserer Mutter Erde. 


Tanze, mein Freund, wie der 
Wind im hohen Sommergras. Wiege 
dich wie ein junger Baum im 


16 


Wind. Tanze mit dem Lauf von 
Sonne und Mond. Webe beim Tanz 
die Fäden der Ewigkeit. Tanze 
und öffne das Tor zur Anders- 
welt. 


ENT 
N 


a 





Oh wie gleichgültig ist's, 
wo du weilst, weißt du dir einen 
Ort der Kraft zu schaffen. Tanze 
und webe die Fäden im magischen 
Kreis - doch wisse: Jeder Ort 
auf Mutter Erde ist heilig. 
Jeder Ort ist heilio, wie auch 
alles, was an und in dir ist, 
heilig ist. Du bist nicht von 
Mutter Erde verschieden. Du bist 
ein Teil von ihr. Dies dir zwm 
Geleit. 


Hege bei allem, was du 
tust, die höchsten Gedanken der 
Erkenntnis und verdamme nichts. 


Nach und nach wirst du 
verstehen. ..und lieben lernen. 


Leichtsinn ist kein Wagemut. 
Neugier ist kein Wissensdurst. 


Wirf einen Stein ins Wasser: Er 
zieht runde Kreise. Du kannst 
auch einen eckigen Stein hinein- 
werfen. Auch er wird runde 
Kreise erzeugen. Alles, was rund 
ist, ist ein Abbild der Ewig- 
keit: Mutter Erde ist rund, 
Sonne und Mond sind rund und 
auch ihr Lauf am Himmel be- 
schreibt einen kreisförmigen Bo- 
gen. Wenn viele 
Menschen anwe- 
send sind und 
sie wollen mit- 
einander spre- 
chen,setzen sie 
sich in einen 
Kreis. Wenn wir 
mit den Göttern 
und Göttinnen oder mit den Kräf- 
ten, die uns umgeben, spre- 
chen wollen, dann tun wir das 
auch in einem Kreis. Ein Symbol 
ist der Kreis für Einheit und 
Ganzheit. 

Der Kreis kann ein Ort der 
Meditation sein, ein Tempel 
oder, wie ich sage, ein beson- 
ders markierter Kraftplatz. Du 
kannst, wenn du magst, überall 
dort, wo Energiefäden sich kreu- 
zen, einen Kreis anlegen. Du 
mußt nur schauen lernen. Es sind 
viele besondere Kraftplätze in 











deiner Nähe. Lerne, sie zu er- 
kennen, das Netz zu schauen und, 
wenn du magst, such den einen 
oder anderen Verknüpfungspunkt 
auf und errichte einen Kreis. 
Von Zeit zu Zeit wird es 
vorkommen, daß du an dem von dir 
ausgewählten Ort Spuren anderer 
Wissender fin- 
dest, die vor 
dir dort waren - 
vielleicht sogar 
in lang verges- 
sener Zeit. Er- 
‘helle mit deinem 


Licht, mit deinem Wissen ihre 
Spuren, huldige ihren Mühen, 
nach Erkenntnis zu streben und 
wirke in Harmonie mit dem, was 
du findest, in Harmonie mit Mut- 
ter Erde. Mutter Erde ruft dich 
und ihre Worte hallen in mir 
nach: Komm! Zieh deine Kreise! 
Schaffe Orte der Erkenntnis, der 
Meditation und der Einsicht. 


17 














Mutter Erde ruft dich, mein 
Kind! Beginne zu verstehen... Du 


und Mutter Erde sind eins, du 
bist ein Teil von ihr. Darum 
wisse: Was du zum Heil der 
Mutter Erde erwirkst, erwirkst 
du letztendlich zu deinem eige- 
nen Heil. 


Du wirst lernen, durch Zeichen 
und Symbole das Wirken der 
Schicksalsfäden zu erkennen. Die 
Zukunft wird dir vorkommen wie 
ein Webmuster, verknüpft aus 
Ursache und Wirkung. Du wirst 
das Muster lesen lernen, doch 
sei auf der Hut! Die Geheimnis- 
se, die du schaust, sind nur für 
dich bestimmt. Andere Menschen 
werden dir nicht glauben, wenn 
du ihnen erzählst, was du 
siehst. Sie werden, was du ihnen 
sagen willst, nicht verstehen. 

Wenn du über das redest, 
was du siehst, wirst du über 
Licht und Schatten reden müssen, 
über Hell und Dunkel. Doch nie- 
mand liebt die Schatten, niemand 
liebt das Dunkel. Darum ist es 
besser zu schweigen. 

Laß allem seinen Lauf und 
misch dich nicht ein in das 
Schicksal. Du bist nicht hier, 
um mit den Nornen zu kämpfen. 
Laß sie die Schicksalsfäden ver- 
weben und störe sie nicht dabei. 
Erleichtere den Nornen ihr Werk. 
Erkennst du ihre Muster, dann 
schau - aber schweig! 


18 


Auf Mutter Erde ist kein 
Platz mehr für Fallensteller und 


Menschen, die Macht mißbrauchen! 
Jeder mag sein Spiel spielen - 
aber keiner soll andere Menschen 
knechten. Jeder von uns hat 
genug Kraft, seinen eigenen Weg 
zu finden, die Götter und Göt- 
tinnen zu ehren. Jeder mag es 
auf seine Weise tun. Doch nie- 
mand soll glauben, er sei besser 
als andere Menschen, nur weil er 
dieses oder jenes tut, dieses 
oder jenes erreicht hat. Wir 
alle sind auf dem Weg der Er- 
kenntnis - auch jene, die erst 
am Anfang stehen. 

Die Freunde heiß ich will- 
kommen. Den Arglistigen biete 
ich mein Schwert der Unterschei- 
dung und zahle Aberwitz mit 
Wahrheit. 


Laß alles in seinem "So- 
Sein" und wisse, jeder hat sein 
eigenes Maß. Was dem einen qut 
erscheint, dünkt dem anderen 
mangelhaft. Beurteilungen erfor- 
dern einen Maßstab. Doch einen 
allgemeingültigen Maßstab gibt 
es nicht. Du kannst nur deinen 
eigenen Maßstab benutzen. Er ist 
nur für dich gültig. Du kannst 
niemanden zwingen, ihn anzuer- 
kennen. 

Laß dem Wasser seinen Lauf 
und behindere es nicht, sondern 
strebe nach Einsicht und Er- 
kenntnis. Sag niemandem, was er 


tun oder lassen soll, und 
urteile nicht für andere. Laß 
jedem Menschen seine Freiheit, 
so zu leben, sich so zu entfal- 
ten und das Göttliche so zu 
suchen, wie er es will und misch 
dich nicht ein. Gib deinen Rat 
nur, wenn man dich darum bittet. 
Erweitere deine Sicht, indem du 
beginnst zu akzeptieren, was um 
dich geschieht. Lerne, andere 
Menschen in ihrem spirituellen 
Weg zu tolerieren, auch wenn sie 
anders denken als du. 

Laß dem Wasser seinen Lauf, 
und lerne dich einzufügen in die 
Harmonie der Welt, die sich 
oerade in ihrer Vielheit und 
Verschiedenheit offenbart. Du 
bist nicht als Richter auf die 
Welt gekommen, sondern um zu 
lernen, deine innere Harmonie zu 
finden und anhand dieser inneren 
Harmonie die große Harmonie 
unserer Mutter Erde zu verste- 
hen. Lerne, erkenne und sei 
frei! 

Du hast alle Freiheit, die 
du brauchst. Du hast keinen 
Meister oder Guru, der dir Be- 
schränkungen auferlegt, sondern 
die ganze Welt ist dein Lehren. 
Du liest aus dem großen Buch der 
Natur und kannst für dich selbst 
entscheiden, deinen eigenen Weg 
wählen. Regele dein Leben, wie 
du es für richtig hältst. Nie- 
mand zwingt dich, etwas zu tun, 
das du nicht selber willst. Es 
genügt, wenn du dich allem, was 


um dich ist, öffnest, aber auch 
nach innen lauschst und schauen 
lernst, was der Moment von dir 
fordert. Jeder Moment trägt die 
Weisheit der ganzen Welt in 
sich! 





19 

















Neuheidentum im 


Deutschland der Gegenwart 


Heidentum - wie ein seltsamer 
Begriff aus grauester Vorzeit 
erscheint vielen Menschen der 
Gegenwart dieses Wort, verbun- 
den mit geheimnisvollen und ver- 
botenen Empfindungen aus "barba- 
rischen" Epochen. Es ist aber 
nicht nur die Ebene persönlichen 
Gefühls, um die es 
hier geht. Heidni- 
sche Religiosität 
manifestiert sich 
z.T. schon seit 
Jahrzehnten im 
deutschsprachigen 

Raum in zahlrei- 
chen Gruppen mit 
mehr oder weniger fest ausge- 
prägten weltanschaulichen Syste- 
men. In den letzten zehn Jahren 
ist es nun in verstärktem Maße 
zu Gruppenbildungen gekommen, so 
daß auch die Kirche schon nicht 
mehr über die "zunehmende Gefahr 
des Neuheidentums" hinwegzusehen 
vermag. Bevor wir die einzelnen 
Strömungen. näher skizzieren, 
seien deshalb einige gemeinsame 
Grundzüge heidnischer Weltan- 
schauung angesprochen: 

- Zunächst einmal verknüpfen sie 
ihre religiöse Neubesinnung mit 
vorchristlichen Traditionen der 
europäischen Kultur. Germanen, 
Kelten, Slawen und die fienschen 


20 





der griechisch-römischen Antike 
hatten alle sehr ausgeprägte 


religiöse Gesinnungen und Kulte. 
Sie alle fielen der erbarmungs- 
losen Christianisierung zum üp- 
fer - und was hatten die Chri- 
sten schon als Ersatz zu bieten? 
Deshalb 


erkennen die meisten 


\ 


Pr = \\ 
Heiden unserer Zeit, daß die 
gesamte christliche Geschichte 
des Abendlandes eine furchtbare 
Fehlentwicklung war. 
- Es gibt zweifelsohne eine gei- 
stige Welt. Sie liegt nicht über 
oder jenseits der wahrnehmbaren 
Welt: Vielmehr ist alles Stoff- 
liche nur äußere Ausdrucksform 
einer ihr innewohnenden, geisti- 
gen Kraft. Dies ist keine meta- 
physische Spekulation, sondern 
kann durch Selbsterfahrung und 
parapsychologische Forschung 
jederzeit erwiesen werden. MNaß- 
stab alles Übersinnlichen ist 
also nicht mehr blinder Glaube, 
sondern die unmittelbare nersön- 


a 


+ 


i? j Zu y 
HT ABK 


BLU 


liche Anschauung - ein grundle- 
gender Unterschied zu den orien- 
talischen Offenbarungsreligio- 
nen. In dieser Sichtweise der 
Dinge liegt das eigentlich Reli- 
giöse des Heidentums. Kurioser- 
weise gibt es aber auch athe- 
istische und materialistische 
Heiden, wie wir noch sehen wer- 
den. 

- Alle alten, vorchristlichen 
Religionen gingen davon aus, daß 
es eine Vielfalt göttlicher 
Kräfte weiblichen und männlichen 
Geschlechts gibt. Diese polythe- 
istische Gottesvorstellung bil- 
det einen ewig unlösbaren Gegen- 
satz zu jenen Ein-Gott-Unterneh- 
men der Monotheisten. Viele Men- 
schen haben gerade erst in den 
letzten Jahren instinktiv die 
Wirklichkeit der polytheisti- 
schen Sichtweise erfaßt 
- während manche Heiden 
noch das christliche 
Gottesbild als elen- 
den Ballast mit sich 
herumtragen. 

- Eine religiöse Welt- 
anschauung wird sich 
zumeist aus einer le- 
bendigen geistigen Aus- 
einandersetzung, einem 
Erkenntnisprozeß heraus 
entwickeln. In jedem 
Fall wird es aber mehr 
sein, als bloß intel- 
lektuelles Wissen: Wir 
werden auch eine prä- 
zise Verwirklichung 


religiöser Ideen im menschlichen 
Verhalten und in der Lebensfüh- 
rung erwarten. Hier finden wir 
bei vielen Menschen eine Rück- 
kehr zum Ursprünglichen und Na- 
türlichen, sei es in der Ernäh- 
rung, der Sexualität, der Sprac- 
he oder der erstrebten Alltags- 
arbeit. Ein heidnisches Bewußt- 
sein wird deutlich, auch ohne 
intellektuellen Hintergrund. Was 
mag wichtiger sein? 

Auch im bewußten kultischen 
Tun, in Gebräuchen, Ritualen und 
bewußtseinswandelnden Praktiken 
manifestiert sich heidnische 
Gesinnung. Einige Heiden nehmen 
hier eine ziemlich ablehnende 
Haltung ein. Damit geraten sie 
dann aber in den Widerspruch zur 
gesamten Religionsgeschichte 
einschließlich 


aller Völker, 




















unserer eigenen Überlieferung. 
- Für fast alle Heiden ist die 


uns umgebende Natur ein Ausdruck 
göttlicher Kräfte, wenn nicht 
sogar das Göttliche selbst. Die 
Heiligkeit der Natur führt zu 
einer Heiligung des Lebens im 
Gegensatz zu Erlösungssehnsucht 
und Nihilismus. Diese Sichtweise 
kann in großen philosophischen 
Entwürfen zum Ausdruck kommen 
(Pantheismuss), sie kann sich 
jedoch auch ganz unmittelbar als 
das Erkennen der Beseeltheit von 
Steinen, Pflanzen oder bestimn- 
ten Orten niederschlagen. Gerade 
in diesem Punkt zeigt sich die 
wichtigste zeitgenössische 3e- 
deutung des Heidnischen: Nämlich 
als geistiger Hintergrund (oder 
vielleicht auch tiefere Ursa- 
che?) der Naturschutz- und Üko- 
logiebewegung. 

Sicher gibt es noch andere 
wichtige Erkennungsmerkmale für 
die heidnische Bewegung. wir 
wollten mit unseren 5 Punkten 
auch keine Dogmen einführen, 
sondern einfach einige Anre- 
gungen für den Leser geben. 
Vielleicht stellt er dann fest, 
daß er selbst eine innere Be- 
ziehung zum Heidentum hat, ob- 
wohl ihm das bisher noch gar 
nicht bewußt war? Im Folgenden 
wollen wir den Versuch unterneh- 
men, die große Vielfalt der 
heidnischen Bewegung im Deutsch- 
land der Gegenwart aufzuzeigen 
und ihre verschiedenen Strö- 


22 


mungen zu verdeutlichen. 

Hier haben wir zunächst 
einmal jene Gruppen, die einen 
gewißen Anteil an der Loslösung 
der Menschen vom kirchlichen 
Machtanspruch haben, einer ge- 
schichtlich unabdingbaren Vor- 
aussetzung für die Entwicklung 
eines neuen religiösen Weltbil- 
des: z.B. die Freidenker, die 
mit ihrem Kampf für die zivile 
Feuerbestattung, die Jugendweihe 
und ein freies Schulwesen be- 
reits im vorigen Jahrhundert 
kirchliche Machtstrukturen an- 
griffen. Die Verbindungen zum 
liberal-sozialistischen Spektrum 
sind natürlich bei dieser Bewe- 
gung unübersehbar - deshalb wird 
man nach einer glaubwürdigen 
metaphysischen Neuorientierung 
hier vergeblich suchen. 

Anders steht es schon mit 
der unitarischen Sewegung, die 
für viele religiös-philosonhi- 
sche Ansätze offen ist und damit 
ein Paradeheispiel für echte 
Toleranz geworden ist. Für die 
deutschen Nnitarier wollen wir 
zwei llanen hervorheben: Sigrid 
Hunke, die in einigen bahnbre- 
chenden Büchern (u.a. "Europas 
andere Religion") ein spezifisch 
europäisches Weltbild als unbe- 
wußte Unterströmung in Philoso- 
phie und Theologie nachgewiesen 
hat, und dies in den letzten 
1000 Jahren! In diesem Weltbild 
geht es darum, daß Geist und 
Materie, Gott und Itelt letztlich 


keine Gegensätze, sondern un- 
trennbar verbunden sind. Ein 


anderer bedeutender Unitarier 
ist Dieter Vollmer, der als 
Verkünder eines religiös-philo- 
sophisch wie auch wissenschaft- 
lich nachvollziehbaren Sonnen- 
kultes auftritt. Die Sonne als 
Urkraft des Lichtes und Lebens 
wie auch aller Erleuchtung - ein 
Urmotiv indogermanischer Fröm- 
migkeit ist hier von Vollmer 
bewußt gestaltet worden. Leider 
hat man den Eindruck, daß die 
Unitarier durch die Spannweite 
ihrer Toleranz klare Stellung- 
nahmen als Institution vermei- 
den, was die religiöse Substanz 
anbetrifft. Auch ist die 
Srundeinstellung eben doch mehr 
philosophischer Natur, wobei 
genau wie im Protestantismus das 
Mythisch-Symbolische und Kul- 
tisch-Irrationale vernachlässigt 
wird. 

Gewiße Ähnlichkeiten beste- 
hen mit der "Artgemeinschaft", 
die jedoch noch viel stärker auf 
die alteuropäischen Wurzeln 
unserer Kultur und Ethik hin- 
weist. Das Religiöse wird hier 
als untrennbar vom geistig-see- 
lischen Erbe des Menschen be- 
trachtet. Damit ist die seeli- 
sche Eigenart des altskandinavi- 
schen Menschen in dieser Weltan- 
schauung der entscheidende Maß- 
stab für alle Glaubensinhalte. 
Da es sich hierbei weitgehend um 
eine kulturpsychologische Inter- 


pretation weit zurückliegender 
Zeiträume der Menschheitsge- 


schichte handelt, fehlen natür- 
lich auch echte empirische Be- 
weise für die hier aufgezeigten 
Eigenarten. Im Ergebnis kommt es 
dadurch zu einer religiösen und 
psychologischen Abgrenzung zwi- 
schen alteuropäischen und außer- 
europäischen Kulturkreisen, die 
oft mehr dem persönlichen 
Hochmut als der eigenen religiö- 
sen Bewußtwerdung dient. 





Die Artgemeinschaft hat 
ihre Glaubensvorstellungen in 13 
Sätzen zu einem "Artbekenntnis" 
zusammengefaßt, das ethisch, 
philosophisch und theologisch 
gut durchdacht ist. Dennoch ist 
eine gewiße abstrakte Blässe und 


23 





























ein Druck zum Bekenntnishaft- 
Lutherischen deutlich, was in 
deutlichem Gegensatz zur wirkli- 
chen Religion der alten Nordmen- 
schen steht. Bekenntnisse in 
wohlformulierten Gedanken sind 
ein Erbstiick christlicher Theo- 
logie, während das alte Heiden- 
tum sich ja gerade durch leben- 
dige, mythische Schau und kul- 
tisch-magisches Tun auszeich- 
nete. Leider gibt es führende 
Männer in der Artgemeinschaft, 
die die magisch-animistischen 
Inhalte der altgermanischen Re- 
ligion gern unter den Teppich 
kehren möchten. Dies steht je- 
doch im wWiderspruch zu allen 
religionswissenschaftlichen Er- 
kenntnissen, besonders auch, was 
das kultische Srauchtum be- 
trifft, 

In diesem Zusammenhang wal- 
len wir auch die Ludendorff- 
Bewegung erwähnen. Sie beruht 
auf den nhilosophischen Arbeiten 
von Mathilde Ludendorff, in der 
sie Mystik und Pantheismus, auf- 
bauend auf naturwissenschaftli- 
chen Erkenntnissen, verbunden 
hat. Ihr Weltbild sah sie in 
scharfen Widerspruch zur christ- 
lichen Religiosität, deren ver- 
hängnisvolles Wirken sie wirk- 
lich überzeugend bloßgestellt 
hat. Dabei hat sie dann aller- 
dings Zusammenhänge zwischen 
jüdischer Religion, christlicher 
Kirche und modernen Mysterien- 
bünden wie der Freimaurerei her- 


24 


gestellt, die zu großangelegten 
Verschwörungstheorien führten 
und höchst bedenkliche, paranoi- 
de Erscheinungen im Bewußtsein 
ihrer Anhänger erzeugten. Die 
Ideologen des NS-Staates bedien- 
ten sich natürlich ausgiebig 
dieser Konstruktionen, obwohl 
sich die Ludendorff-Sewegung 
selbst nis hundertprozentig in- 
tegrieren ließ. Wir empfehlen 
das Studium ihrer beiden Werke 
"Erlösung von Jesu Christo" und 
"Triumsh des Unsterblichkeits- 
willens" zur Einführung. Ein 
gewisser Personenkult um die 3e- 
gründerin dieser 3ewegung, der 
manchmal zu bemerken ist, wäre 
eigentlich überflüssig - denn 
ihr Gbedankenaut wirkt auf jeden 
Leser von selbst. 

Die "Deutschgläubige Se- 
meinschaft", die bereits 1911 
gegründet wurde, baut auf den 
Forschungen von Otto 5. Reuter 
auf, der durch seine insogerma- 
nistischen Studien einen großen 
Teil der Edda-Symbolik astralmy- 
thologisch entschlüsselte und 
sich auch konsequent vom christ- 
lichen Denken löste. Auch das 
Studium des Volksbrauchtums wird 
in diesem Kreise ernsthaft be- 
trieben - wenngleich auch noch 
eine gewisse Scheu vor der magi- 
schen Praxis des Rituellen be- 
steht. Leider betreiben manche 
Aktivisten der Gemeinschaft eine 
Verquickung des Mythos mit der 
Philosophie des 18. Jahrhun- 


derts, was uns den Zugang zum 
Ursprung eher vernebelt. 

Anzumerken wäre zur Namens- 
gebung der Gemeinschaft, daß 
sich die erarbeiteten religiösen 
Inhalte keineswegs auf die Über- 
lieferungen des deutschen 
Kulturkreises beschränken. Die 
altnordische Mythologie befindet 
sich bekanntlich an der Wurzel 
einer europäischen Kultur, in 
der die späteren, nationalstaat- 
lichen Kulturen noch gar nicht 
existierten. Demzufolge kann man 
nicht Briten, Franzosen, Skandi- 
navier und z.B. die Osteuropäer 
aus der menschlichen Gemein- 
schaft dieser Religiosität aus- 
grenzen und sie auf Deutsche 
beschränken. Dies wird wohl auch 
von der Gemeinschaft gar nicht 
angestrebt, kommt aber in der 
Namensbezeichnung mißverständ- 
lich zum Ausdruck. 

Zu den mehr aus esoteri- 
scher Weltsicht wirkenden 
Gruppen zählt z.B. der Goden- 
Orden, der in früheren Jahren 
das Gralsmysterium, aber auch 
Runenmystik und verschiedene 
esoterische Forschungsrichtungen 
pflegte. Der bekannte esoteri- 
sche Schriftsteller K.O. Schmidt 
wirkte in dieser Gruppe mit. 
Seit das Ehepaar Gabke hier die 
Führung übernommen hat, scheinen 
sich die Goden immer intensiver 
mit der germanischen Überliefe- 
rung und dem Göttermythos zu 
befassen. 


Von größter Bedeutung für 
eine lebendige Zuwendung zu 
unseren einheimischen Gottheiten 
wurden schließlich die Aktivi- 
täten des Armanen-Ordens. Erst- 
mals in der Geschichte des deut- 
schen Heidentums stand die Ver- 
tiefung in das Wesen unserer 
Göttinnen und Götter im Vorder- 
grund - und nicht irgendwelche 
halbchristlichen, unausgegorenen 
Ideen. Die beste deutsche Edda- 
Übersetzung (Simrock) wurde neu 
herausgegeben, viele alte Feste 
und Volksbräuche mit großem 
künstlerischen und rituellen 
Aufwand wieder eingeübt. Aber 
auch das Studium der okkulten 
Wissenschaften, die uns allein 
den Schlüssel zu vielen alten 
Überlieferungen geben, wird 
nicht vernachlässigt. Bei all 
dem ist disser Orden offen für 
Kontakte zu anderen heidnischen 
Gruppen und verwandten Bewe- 
gungen, so daß ein intensiver 
geistiger Austausch und viele 
neue Wege eröffnet werden. Die 
zum Orden gehörende Guido 
v.List-Gesellschaft hat bereits 
einen Großteil der Werke des 
z.T. okkult-theosophisch beein- 
flußten Interpreten germanischer 
Religiosität neu herausgebracht. 

Erwähnenswert ist auch die 
jährlich an den Externsteinen 
stattfindende Machalett-Tagung, 
die bereits seit Jahren ein 
wichtiges Forum unabhängiger 
heidnischer und esoterischer 


25 























Forscher darstellt. Hier werden 
jedes Jahr auf zahlreichen Vor- 
trägen Erkenntnisse ausgetauscht 
und Verbindungen zwischen ein- 
zelnen Heiden geknüpft. 

Aus dem angelsächsischen 
Sprachraum wirken zwei Bewe- 
gungen zu uns hinein, die in 
mehrfacher Hinsicht befruchtend 
für das oftmals zu stark theore- 
tisierende deutsche Heidentum 
sein könnten: Zum einen die 
Wicca-Bewegung, die auf der 
Hexentradition beruhend den Kult 
einer Großen Muttergöttin und 
des Gehörnten Gottes vertritt. 
Viele Gottheiten aus alter Zeit, 
die z.T. bei unterschiedlichen 
Gruppen aus sehr verschiedenen 
Mythenkreisen stammen (griech. 
Antike, Koypten, Vorderer 
Orient) werden in der freien 


26 


Natur mit magischen Ritualen 
verehrt. Praktische Magie 
ist überhaupt wesentlicher 
Bestandteil der Wicca-Akti- 
vitäten, die sich nicht nur 
| auf die Feste im Jahreskreis 
beschränken. Gearbeitet wird 
überwiegend in kleinen 
; Gruppen (Coven). Viele Coven 
haben die keltische Tradi- 
tion aufgegriffen, es gibt 
aber auch germanisch orien- 
tierte Gruppen, wie z.B. den 
a Hegsenkreis um den Njörd- 
> Verlag. Zum anderen kommt 
aus dem englischen Sprach- 
«a raum die Findhorn-Bewegung, 
EM die auf die Findhorn-Kommune 
in Schottland zurückgeht. Hier 
versucht man durch Schulung in- 
tuitiver Schau den Kontakt zu 
den Naturgeistern herzustellen, 
die man zur Gesundwerdung 
unseres zerrütteten Planeten 
gewinnen möchte. Rückkehr zum 
Biologisch-Gesunden, zum natür- 
lichen Leben und Landbau gehören 
zu den Zielen dieser Gruppe. 
Auch Volkstänze aus verschiede- 
nen Kulturkreisen werden geübt. 
Die Findhorn-Foundation ist in- 
ternational organisiert und ver- 
fügt in der BRD über ein ausge- 
zeichnetes Netzwerk. 

Bei den Anthroposophen fin- 
den wir eine sehr seltsame Syn- 
these aus esoterischem Christen- 
tum und dem Studium altheidni- 
scher Inhalte. Positiv zu ver- 
merken ist die intensive Be- 


schäftigung mit der metaphysi- 
schen Bedeutung der Jahreszei- 
ten, was durchaus zu naturreli- 
giösem Erleben führen kann. Auch 
die Annahme des altgermanischen 
Mythos als geistige Realität 
bereits durch Rudolf Steiner (s. 
"Die Mission einzelner Volkssee- 
len" - 1918) und die Benutzung 
des Volksmärchens als Erkennt- 
nisquelle schaffen eine geistige 
Verbindung zum heidnischen Den- 
ken. 

Ein sehr wichtiger Impuls 
für das deutsche Heidentum ist 
die geistig-religiöse Ausrich- 
tung der Frauenbewegung. Viele 
Frauen haben erkannt, daß das 
Christentum niemals seinem männ- 
lich-patriarchalichem Gottesbild 
entsagen kann. So wandten sie 
sich den alten Muttergöttinnen 
zu, Demeter, Isis, Diana und 
Astarte stehen als geistige 
Mächte hinter dem berechtigten 
gesellschaftspolitischen Kampf 
der Frauen. Mondkulte, Mysteri- 
enspiele und Tarotorakel mobili- 
sieren dafür die notwendige 
Kraft. Selbst in der evangeli- 
schen Kirche bewirkt die Aktivi- 
tät heidnischer Frauen lautstar- 
ke Unmutsäußerungen verstaubter 
Kleriker. Ein möglicher zukünf- 
tiger Sprengsatz für das Chri- 
stentum. 

In Berlin gibt es seit 2 - 
3 Jahren eine heidnische Gemein- 
schaft, die besonders zielbewußt 
auf die Ergründung der usprüng- 


lichsten Überlieferungen germa- 
nischen Heidentums ausgegangen 
ist. Eine bemerkenswerte For- 
schungsarbeit brachte sehr de- 
tailliertte Ergebnisse in der 
Rekonstruktion des jahreszeit- 
lichen Brauchtums, der Edda- 
Mysterien und der Kultstätten- 
Forschung im Raum Berlin. In der 
Runenesoterik und der altgerma- 
nischen Astrologie kam es teil- 
weise zu bahnbrechenden Findung- 
en. \Wesentlichster Grundsatz 
dieser Arbeit ist vor allem eine 
möglichst authentische und ge- 
treue Praktizierung dessen, was 
im alten Heidentum wirklich vor- 
handen gewesen ist. Dies birgt 
jedoch auch die Gefahr einer 
gewissen Orthodoxie in sich, die 
nicht bedenkt, daß auch die 
germanische Religion Wandlungs- 
prozessen unterworfen war. Die 
Widersprüche zwischen bloßer 
heidnischer Nostalgie und tiefe- 
rer esoterischer Durchdringung 
wurden leider oftmals deutlich. 
So kam es hier zu einer wahrhaft 
enzyklopädischen Anhäufung von 
Erkenntnissen über die Alte Re- 
ligion - ohne daß man sich wirk- 
lich Gedanken darüber machte, 
wie die spirituellen Vorraus- 
setzungen für die innere Aufnah- 
me dieses Wissens geschaffen 
werden können. 

Wesentlichen Anteil an ur- 
europäischen Traditionen nimmt 
auch die Bewegung der Wikinger, 
die in der Reproduktion altnor- 


27 





























discher Kleidung, Waffen und 
Schmuck und der Aufführung von 


Schaukämpfen eine Wiederbelebung 
altgermanischer Lebensart er- 
strebt. Dies ist durchaus ein 
religiöser Ansatz, was schon die 
Tatsache verdeutlicht, daß die 
Rückkehr zu bestimmten kulturel- 
len Formen einer vorgeschichtli- 
chen Ära eine Rückbindung (reli- 
gio) an die eigenen, tiefsten 
Wurzeln darstellt. 

Am Rande erwähnt, weil 
vielleicht von manchen nicht als 
spezifisch europäisch bewertet, 
seien noch die Kreise um die 
verschiedenen 0TO-Gruppen (O0T0, 
Crowley-Anhänger, Golden Daun, 
Thelema). All diese Gruppen 
zeichnen sich durch ein inten- 
sives magisches Training aus, 
daß manchem Hypersensiblem zu 
Unrecht Angstgefühle verursacht. 
Wichtige Grundlagen sind hier 
z.B. die ägyptische Mythologie, 
aber auch die Gralssymbolik, 
sowie die polytheistische Symbo- 
lik des Tarot-Spiels. Besonders 
letzteres steht durchaus im Ein- 
klang mit den indogermanischen 
Mythenkreisen, so daß auch hier 
heidnische Urinstinkte geweckt 
werden. Leider ist aber eine 
gewiße synkretistische Note 
unverkennbar, besonders auch im 
rituellen Bereich werden alt- 
orientalische, mittelalterlich- 
magische und kirchliche Elemente 
auf gänzlich unverdauliche Art 
und Weise vermischt. Auf jeden 


28 


Fall wird jedoch eine lebendige 
Beziehung zu den Göttinnen und 


Göttern auch in Verbindung mit 
der persönlichen spirituellen 
Entwicklung erstrebt, was jedem 
interessiertem Heiden wichtige 
Impulse aus dieser Richtung ver- 
spricht. Hier sei auch die iri- 
sche Fellowship Of Isis erwähnt, 
die die Verehrung der Großen 
Mutter in der Gestalt der alt- 
ägyptischen Isis propagiert. In 
Deutschland bestehen bereits 
mehrere Gruppen. 

Wer mun angesichts dieser 
Vielfalt religiös-kultureller 
Initiativen von Verzweiflung und 
Verwirrung übermannt werden 
sollte, bedenke bitte Folgendes: 
Ein wesentliches Gesetz des kom- 
menden Zeitalters besteht unter 
anderem darin, daß kleine, unab- 
hängige menschliche Zusammen- 
schlüsse auch unterschiedlich- 
ster Prägung in Beziehung und 
Kommunikation zueinander treten. 
Wenn im jedem dieser Zusammen- 
schlüsse spezifische Erfahrungen 
gemacht werden und trotzdem alle 
bereit sind, voneinander zu ler- 
nen, könnte die Wirklichkeit des 
alten Heidentums durchaus wieder 
zu Tage treten! 

(Eine Liste mit Anschriften 
der genannten Gruppen kann übri- 
gens beim HAIN angefordert wer- 
den.) 


Matthias Wenger 


Die heilige Nacht 


Der Schnee knirscht unter unse- 
ren Stiefeln, als wir aus dem 
Dickicht des winterlichen Waldes 
auf eine Lichtung treten. Fahl 


leuchtet der Mond auf die Erde 


hinab und dennoch glitzern MNy- 


riaden von Eis- und Schneekri- 
stallen in diamantenem Glanz. So 
erwartet uns heute, im Dunkel 
der Eisdämonen, an denen wir uns 
im Walde vorbeigestohlen haben, 
unser Heiligtum: Die Erde der 
Lichtung bedeckt bis zu den 
Waden mit Schnee, umsäumt von 
den riesigen, dunkelgrünen, na- 
delbewehrten Eiben, deren Zweige 
wie Mäntel des Schutzes die 
heilige Stätte in sich bergen - 
und darüber die funkelnden Lich- 
ter des winterlichen Himmels, 
das unendliche Heer der Sterne 
mit der Milchstraße. 

So begibt sich die kleine 
Gruppe von vierzehn Personen 
langsam stapfend zum Mittelpunkt 
der Lichtung, alle eingehüllt in 
dicke Mäntel oder Pullover, über 
die manche ein weißes, Tunenge- 
schmücktes Lei- 
nengewand tragen. 
Flüsternd und ge- 
stikulierend be- 
| ginnen sie, auf 
einer vielleicht 
neun Quadratmeter 
großen Fläche den 
Schnee beiseite 





zu räumen, um dort einige kleine 
Gegenstände zu deponieren. Einer 
von ihnen, nennen wir ihn Madal- 
win, stellt ein dreibeiniges 
Tischchen aus dunklem Holz auf 
die weiße Erde. Andere stellen 
ein paar verschlossene Krüge 
daneben und legen einige Trink- 
hörner, Räucherwerk, Brot und 
Fleisch auf das Tischchen. Ei- 
nige zittern dabei, klappern mit 
den Zähnen, denn die eisige 
Nachtluft kriecht ihnen unbarm- 
herzig in die Knochen, wenn sie 
bewegungslos in ihr verharren. 

Ein etwas größerer Mann 
schwingt ein Bündel Holz, das er 
auf der Schulter getragen hatte, 
vor sich auf den Boden.Nun be- 
ginnen sie alle, die zuvor neu- 
gierig schweifend das Heiligtum 
erkundet haben, enger zusam- 
menzurücken - in ihrer Mitte das 
Bündel mit dem Holz, das drei- 
beinige Tischchen und noch ei- 
nige andere, seltsame Gegenstän- 
de, deren Bedeutung dem Uneinge- 
weihten nicht so ohne weiteres 
erschließbar ist. Schweigend, 
frostgerötet, mit etwas unsiche- 
rem Blick schauen sie sich an, 
die vierzehn Männer und Frauen - 
erwartungsvoll und aufmerksam 
die Einen, etwas leidend und 
gequält von dem langen Marsch 
durch die kalte Waldesfinsternis 
die Anderen. 


29 




















Und nun erhebt Madalwin die 
Stimme: "Eisige Kälte lähmt das 
Leben der Erde und der Menschen- 
leiber. Aber tief in uns und im 
Schoß der Hel glüht ein Funken 
unsterblichen Lichtes. Wird die- 
ser Funken zur Flamme werden?" 










ee BR 
ESER SERIE, 


Da | 


Die anderen heben ihre Arme 
empor und schauen in die Unend- 
lichkeit des sternenfunkelnden 
Himmels. "Jäger, Fürst der fern- 
sten Himmelsräume und des alles- 
durchdringenden Äthers: Reite 
hinab mit Deinem weißen Schim- 
mel, WOTAN-ODIN, komm hinab auf 
den leidenden, froststarren Leib 
unserer Mutter Erde!" So rufen 
sie alle ihre Sehnsucht hinaus 
in die längste aller Nächte. 

Nun sammeln sich die sieben 
Frauen der Gruppe um den hölzer- 


30 


nen Altar, das dreibeinige 
Tischchen. Sie winkeln ihre Arme 
ab vom Körper, die Handflächen 
zur Erde gewandt, spüren wie die 
Schwere sie hinabsaugt, Erden- 
tiefe, lebendig und pulsierend. 
Durch den Schnee und das Eis, 
durch die hartgefrorene Haut von 
FRIGGAS Körper, der die Erde 
ist. 

Und ihre Lippen formen sich 
zu schmalen Rauten, denen sich 
im Chor gemeinsamen Raunens ein 
heller, sanfter Ton entringt: 
"Y-y-y-r-r." Ihre Kehlen vi- 
brieren, ihre Handflächen sind 
erfüllt von Schwingungen und 
glänzen von der Kraft, die sie 
aus der Erde emporziehen. Im 
Kreis stehen die Männer um die 
Frauen herum, die Arme weiter 
emporgehalten mit zum Kelch ge- 
öffneten Händen. Der nächtliche 
Wind streicht über ihre Finger, 
Prana aus den verborgensten Win- 
keln des Alls, das jetzt durch 
die Arme entlang in ihre Herzen 
gleitet. 

Abwechselnd raunen sie die 
Mantren der Göttinnen und Göt- 
ter. "F-R-I-G-6-6-G-A-A" die 
Frauen, "0-0-0-D-I-I-N-N-N" die 
Männer. Kraftvoll verströmen die 
heiligen Namen in die Weite des 
Heiligtums, bis ihre Schwingun- 
gen im nadligen Dunkel der Eiben 
verhallen. Ungezählte Male rufen 
sie so, abwechselnd die tiefen 
Stimmen der Männer und jene hel- 
len der Frauen. 


Plötzlich kniet eine von 
den Frauen, angetan mit einem 
dunklen Mantel und einem Reif in 
ihrem kastanienbraunen Haar, vor 
dem kleinen Holzaltar nieder. 
Aus einem Lederbeutel zieht sie 
eine dicke, runde Holzscheibe, 
in deren Mitte sich eine Ver- 
tiefung befindet. Sie legt die 
Scheibe auf den Altar, dreht 
sich selbst in Richtung der 
Männerrunde, bis ihre großen, 
traumschweren Augen auf dem Ant- 
litz Madalwins ruhen. 











Er löst sich aus dem äußeren 
Kreis und schreitet langsam zur 
Priesterin am Altar. Aus einer 
Tasche zieht er einen dicken, 
runden Holzpflock. Er kniet nie- 
der vor der Frau mit dem Stirn- 
reif und sie legt segnend die 


Hände auf sein Haupt: "Geweihte, 
die Nacht der Mütter ist es,die 
uns hier vereint. Und zur Mutter 
wird die Erde noch heute, wenn 
Speer und Kessel sich einen!", 
Nun fügt Madalwin den hölzernen 
Pflock in die runde Holzscheibe 
und beginnt, ihn zu drehen - es 
knirscht und kratzt, ein geheim- 
nisvoller Geruch geht von der 
Stelle aus, an der das Eschen- 
und das Ulmenholz aneinanderge- 
rieben werden. Wie gebannt star- 
ren nun die Übrigen aus dem 
äußeren Kreis und die Frauen im 
Herzen des Heiligtums auf den 
rasend rotierenden Holzpflock 
und die Scheibe, die von der 
Priesterin mit unnachgiebiger 
Festigkeit auf dem Altar gehal- 
ten wird. Glühend rot vor An- 
strengung wird das Gesicht Ma- 
dalwins und erste Schweißtropfen 
stehen auf der Stirn. 

Und siehe da - dünner Qualm 
steigt aus der Öffnung in der 
Holzscheibe auf, an der Seite, 
an der Madalwins Hände den Holz- 
pflock bewegen, springen Funken 
hervor, die hinabfliegen und im 
Schnee verlöschen. Ein rotblon- 
der Junge löst sich aus dem 
Kreis, wirft etwas Stroh auf die 
Scheibe, das sofort in Flammen 
aufgeht. "AGNI, IGNIS, INGWI- 
FREYR!" - ein lautes, freudig 
erregtes Geschrei wird jetzt in 
dem Kreise laut und ein anderer 
wirft das brennende Stroh 
schnell auf das nebenbei liegen- 


31 























de Holzbündel, das sehr rasch zu 
einem größeren Feuer wird. Ma- 
dalwin umarmt die Priesterin 
lachend und küßt die rasenden 
Chakren der Strahlenden vom 
Solar-Plexus bis zu ihrem Schei- 
tel voller Leidenschaft. 
"GEFION, FJÜRGYN, heilige 
Mutter, die Du das Licht schufst 
in der Tiefe Deines Leibes, 
gesegnet seist Du!" So betet 
Madalwin voller Freude, als er 
vom Kehlkopfchakra zum Stirn- 
chakra der Priesterin übergeht. 
Sie öffnet ihren Lederbeutel 
noch einmal und holt einen Ei- 
benzweig hervor, an dem noch die 
roten Früchte glänzen. Sie hält 
ihn in die Runde, damit ihn 
jeder sieht und alle wissen 
sollen: "Unsterblich ist der 
Urgrund der Erdenmutter, alle 
immergrünen Bäume künden uns 
davon." 

Die Gesichter der Feiernden 
sind jetzt freudig und gelöst, 
spiegeln den Schein des Feuers 
wieder, das in ihrer Mitte 
brennt, ihnen Licht und Wärme 
spendet. Noch ist dieses Feuer 
klein und unscheinbar wie ein 
zartes Baby kurz nach der 
Geburt. Aber in kommenden Nion- 
den, wenn das Jahr fortschrei- 
tet, wird das Feuer der Sonne, 
von der das Julfeuer nur irdi- 
sches Abbild ist, zur mächtigen 
Flamme werden. YNGWI-FREYR nann- 
ten ihn die alten Skandinavier, 
jenen Gott, der die Strahlen 


32 


seines Lichtes in die Früchte 
des Feldes, die Leiber der Tiere 
und der Menschen sendet und ihre 
Kräfte aufsteiaen läßt zur Höhe 
der Lebenslust. 





Die vierzehn Männer und 
Frauen bilden jetzt einen einzi- 
gen Kreis, fröhlich tanzen sie 
in Richtung des Sonnenlaufs um 
das löodernde Feuer und singen 
ein Lied zu Ehren des jungen, 
schönen Gottes in ihrer Mitte. 
Die Priesterin löst sich von 
ihnen und schreitet zum Altar, 
wo sie die Onpfergaben an die 
Gottheiten vorbereitet. Auf ein 
Zeichen von ihr beenden die 
anderen ihren Tanz, und blicken 
erwartungsvoll auf die Hohe. Sie 
hält nun in ihrem einen Arm 
einen Korb, in dem sich Fleisch- 
und Brotstücke befinden, das 
Fleisch eines wilden Ebers,den 
heiligen Tier Y!!GWUI-FREYRS und 
einen Weizenbrot, das der Mutter 
der Erde geweiht ist.Schweigend 
teilt sie jedem etwas davon aus. 
Alle verzehren es langsam kau- 
end, manche halten ihre 


Schwurhand über dem Fleisch und 
geloben dem Lichtgott etwas für 
das kommende Jahr. Dann macht 
sich die Priesterin wieder am 
Altar zu schaffen, wo sie gold- 
gelben Met in ein langes ge- 
wundenes Horn gießt. Sie reiht 
sich mit den Metkrügen in den 
Kreis der Feiernden ein, worauf 
das Horn ununterbrochen von Hand 
zu Hand, won Mund zu Mund geht. 
Jeder weiht es dem Gott oder der 
Göttin, für die die Priesterin 
das Horn bestimmt hat und rich- 
tet seine Bitten an die Hohen. 
Die Namen FREYRS, ODINS, FRIGGAS 
und BRAGIS hört man in dem vom 
Lichtschein des neuen Jahres 
erleuchteten Kreis. Wie ein gol- 
denes Band, das alle in Liebe 
umschließt und zu einem Bollwerk 
gegen die frostklirrende Nacht 
werden läßt, gleitet das Methorn 
in ständigem Umlauf von Mann zu 
Frau, von Frau zu Mann.Während 
sich in die Bitten an die Götter 
Glückwünsche an Freunde und Ge- 
liebte mischen, werfen einige 
neue Äste und Reisig ins Feuer, 
Nahrung und lebenspendende Kraft 
für den jungen Gott des neuen 
Jahres. Heiligste aller Nächte! 
Der starke Honigwein und die 
wärme des kultischen Feuers läßt 
bald die Wangen erröten und 
wieder vereinen sich alle zu 


einem rasenden Tanz um Flamme 
und Altar. Altbekannte Lieder 
ertönen, aber nicht voller 
Ehrfurcht und mürrischer Andacht 
wie in den Gewölben des Gekreuz- 
igten. Nein, voller Freude und 
Verlangen sind sie, nach der 
unbändigen Lust der kommenden 
Jahreshälfte. 

Später, machdem das Feuer 
niedergebrannt ist, nimmt jeder 
etwas von der Holzasche und 
einige angekohlte Holzstücke - 
seit urältesten Zeiten gilt 
dies als fruchtbar und segen- 
bringend - man bewahrt es auf 
bis zum Julfest des nächsten 
Jahres. 

Als die kleine Gruppe nach 
langem Marsch aus dem Waldhei- 
ligtum in die Stadt wieder den 
U-Bahnhof betritt, erscheint ihr 
alles in einem etwas freund- 
licheren Licht: Das kalte tech- 
nologische Gepräge der Bahnhofs- 
architektur, die mürrischen, 
freudlosen Gesichter der Men- 
schen - alles scheint einer son- 
nigen, festlichen Stimmung gewi- 
chen zu sein und erglänzt wie 
verwandelt. Wiedergeburt des 
Lichtes - in den Herzen der 
Menschen. So erlebten wir die 
erste der heiligen zwölf Nächte. 


Thorgaard 


33 








34 


Die Mistel 


Die Mistel ist eine recht un- 
scheinbar wirkende Pflanze, die 
hoch auf Bäumen wächst. Sie 
ähnelt einem größeren Vogelnest 
- meist kugelförmig in der be- 
stalt - und ist im Laub der 
Baumkronen oft schwer auszuma- 
chen. Erst im Spätherbst oder 
Winter ist die Mistel auf Spa- 
ziergängen im Wald oder auch in 
Parkanlagen leichter erkennbar. 
Die Mistel ist ein buschar- 
tiges Gewächs, das in unseren 
Breiten recht exotisch anmutet. 
Die immergrünen, länglich-ova- 
len, ledrigen Blätter sind an 
den Enden der stark verzweigten 


Äste paarweise angeordnet. Aus 
den Knospen zwischen den paari- 
gen Blättern entstehen im näch- 
sten Jahr zwei neue Zweige, 
wobei die alten Blätter dann 
abfallen. An der Anzahl der 
dabei entstehenden "Knoten" kann 
man das Alter einer Mistel ab- 
schätzen. Die männlichen und 
weiblichen Blüten sind getrennt 
vorhanden, sitzen an den Ver- 
zweigungen der Äste (Knoten) und 
bei nur etwa 3 mm Größe recht 
unscheinbar. Daraus entwickeln 
sich im Winter weißliche bis 
gelbe Beeren. Diese Beeren ent- 
halten sehr klebrige Samen. 


Je nach Art der Wirtsbäume 
unterscheidet man drei Unterar- 
ten der Mistel. Hauptsächlich 
auf Laubbäumen wie Pappel, 
Weide, Ahorn, Apfelbawm, sel- 
tener Eichen wächst die eine 
Unterart. Auf Weißtannen kommt 
die zweite Unterart vor. Die 
letzte schmarotzt auf Kiefern, 
aber auch auf Fichten. 

Die Mistel entzieht ihren Wirts- 
bäumen die Mineralstoffe, die 
sie zum Wachsen benötigt. Zur 


Photosynthese ist die Mistel 
selbst fähig, so daß sie für das 
Wachstum wichtige organische 
Substanzen selber produzieren 


kann. Deshalb gehört die Mistel 
zu den Halbschmarotzern. 

Die Mistel ist in Mittel- und 
Südeuropa, in Mittelasien nach 
Osten hin bis nach Japan hei- 
misch. 

Seit Alters her wird die Mi- 
stel als Heil- und Kultpflanze 
verehrt. Da sie ohne Erde wächst 
und im Winter Früchte trägt, 
galt sie als heilbringende 
Wunderpflanze. Die keltischen 
Druiden schätzten sie sehr als 
Mittel gegen Vergiftungen jeder 
Art und zur Heilung von 
Unfruchtbarkeit bei Tieren. Ins- 
besondere die seltenen Misteln 
auf Wintereichen - im keltischen 
Raum galten diese Bäume als 
heilig - wurden unter Abhaltung 
besonderer Zeremonien gesammelt: 
Weiß gekleidete Druiden schitten 
die Mistelzweige mit goldenen 


Zweige wurden mit weißen Tüchern 
aufgefangen, ohne daß sie den 
Boden berühren durften. Günstige 
Zeiten für solche Zeremonien 
waren der sechste Tag nach Neu- 
mond - insbesondere zum Jahres- 
beginn (nach der Wintersonnen- 
wende), zum Frühlingsbeginn 
(Tag- und Nachtgleiche) und nach 
der Sommersonnenwende. 

In der Baldersage der Edda ist 
zu lesen, daß der blinde Hödur - 
auf Lokis Anweisung hin - Balder 
mit einem Pfeil aus einem MNi- 
stelzweig (mistilteinn) bei ei- 
nem Waffenspiel tötete. Die 
Mutter Balders, Frigg, hatte 
zuvor - auf eine Vorahnung Bal- 


Sicheln. Die herunterfallenden | 


ders hin - allen Naturwesen ei- 
nen Eid abgenommen, ihrem Sohn 
nicht zu schaden. Loki hatte 
erfahren, daß die Mistel auf- 
grund ihrer schwächlichen Er- 
scheinung nicht unter diesen Eid 
genommen wurde; so fertigte er 
den oben erwähnten Pfeil aus 
dieser Pflanze, um seinen sonst 
unverletzlichen Rivalen aus dem 
Weg zu räumen. 

Im Volksglauben gilt die Mi- 
stel als magisches Zeichen, das 
böse Kräfte abhalten, manchmal 
aber auch anziehen kann. Im 
norddeutschen Raum ist überlie- 








fert, daß Mistelzweige am Tor 
aufgehängt das Haus vor Blitz- 
schlag schützen. Andererseits 
verwendete man in Galizien keine 
Bäume als Bauholz, auf denen 


35 | 








Misteln wuchsen, da der Blitz 
sonst einschlagen könnte. Rosen- 
kränze und Amulette aus Mistel- 
holz galten als besonders "wir- 
kungsstark". 

Um die Jahreswende ist es in 
England und Frankreich üblich, 
sich Mistelzweige an die Decke 
des Wohnraumes zu hängen. Als 
Weihnachtsschmuck wurde die Mi- 
stel weit eher verwendet als der 
Tannenbaum, der im 16. Jahrhun- 
dert vereinzelt anzutreffen war, 
aber erst seit dem 19. Jahrhun- 
dert sich allgemein verbreitete. 
Neujahr ohne "misteltoe" ist für 
Engländer undenkbar, denn die 


36 


Mistel bringt Glück für das 
ganze nächste Jahr. 

In Siebenbürgen gab es den 
Brauch, einen Nistelzweig mit in 
den Brautkranz einzubinden, da 
die Mistel - wie andere immer- 
arüne Pflazen auch - als Frucht- 
barkeitssymbol gilt. Auch auf 
Hochzeitsmythen zurückzuführen 
ist folgender Brauch aus Skandi- 
navien: Wer unter einem Mistel- 
busch angetroffen wird, darf von 
jedem geküßt werden, solange 
noch Beeren an dem Strauch 
hängen. Bei jedem Kuß allerdings 
wird eine Beere abgenommen. 

Schon Hippokrates empfahl im 
4. Jahrhundert vor Christi Ge- 
burt die Mistel gegen "Milz- 
sucht". Seit dem 15. Jahrhundert 
wird Mistelkraut in vielen Kräu- 
terbüchern als Mittel gegen 
Schwindsucht genannt. Einem Ni- 
stelzweig am Ring oder einem 
Amulett aus Mistelholz wurde 
nachgesagt, gegen "Fallsucht" 
(Epilepsie) zu helfen. Alte Ei- 
chen mit vielen Misteln wurden 
zu Wallfahrtsorten für Leute, 
die hofften, dort ihr Anfalls- 
leiden loszuwerden. 

Gegen Ende des 19. Jahrhun- 
derts schien die Mistel aller- 
dings in Vergessenheit geraten 
zu sein. Erst Anfang des 20. 
Jahrhunderts wurde eine blut- 
drucksenkende Wirkung von Mi- 
stelextrakten festgestellt, al- 
lerdings nur im Tierexperiment. 


Für die Krebstherapie wurden 
Mistelpräparate 1920 von Steiner 
- dem geistigen Vater der An- 
throposophie - vorgeschlagen. 

Erst in den letzten Jahren hat 
man sich näher mit den Inhalts- 
stoffen der Mistel beschäftigt, 
und es wurden dabei mehrere 
Wirkprinzipien festgestellt. Die 
eine Substanzgruppe, die soge- 
nannten Viscotoxine, zeichnen 
sich durch eine bei Injektion 
starke Ciftwirkung auf das Herz 
aus. Weitere Substanzen - soge- 
nannte Polysaccharide und vor 
allem die "Lektine" - werden für 
die turmorhemmende Wirkung ver- 
antwortlich gemacht. 

Die Wirkung von Mistelpräpara- 
ten bei Sluthochdruck und gegen 
Arteriosklerose ist bisher nur 
in Tierexperimenten beobachtet 
worden. Für eine entsprechende 
Wirkung am Menschen liegen bis- 
her keine ausreichenden Ergeb- 
nisse vor. In der Krebstherapie 
konnten allerdings im Rahmen 
einer anthroposophischen Behand- 
lung beachtliche Erfolge erzielt 
werden. Verwendet werden hier 
Mistelextrakte, die injiziert 
werden. Durch spezielle Herstel- 
lungsverfahren gelingt es, die 
unerwünschte Wirkung auf das 
Herz zurückzudrängen. Für die 
Selbstmedikamentation ist aller- 
dings die Krebstherapie nicht 
geeignet. 


Die Giftigkeit von oral einge- 
nommenen Mistelzubereitunngen 
ist gering. Nur bei Einnahme 
sehr großer Mengen können Reiz- 
erscheinungen an den Schleimhäu- 
ten auftreten. Zum Einnehmen 
bereitet man einen Kaltauszug: 
Mistelkraut wird mit kaltem Was- 
ser abends angesetzt, über Nacht 
läßt man ziehen und trinkt den 
Extrakt dann morgens je nach 
Belieben kalt oder aufgewärmt 
auf nüchternen Magen. Die im 
allgemeinen übliche Dosierung 
von 2,5 Gramm (ca. 1 gehäufter 
Teelöffel voll) Mistelkraut auf 
1 Tasse Wasser ist sicherlich 
als zu niedrig anzusehen. Im 
Tierexperiment ist erst bei 
1Dfacher Dosierung (in Bezug auf 
das Körpergewicht) eine Wirkung 
auf den Blutdruck festzustellen. 
Da die Wirkung am Menschen noch 
nicht belegt ist, sollte die 
Mistel nur zur Unterstützung 
einer Hochdrucktherapie genommen 
werden. Die Tagesdosis müßte 
dann allerdings mindestens 20 
Gramm getrocknetes oder 40 Gramm 
frisches Mistelkraut betragen; 
diese Menge wäre dann mit min- 
destens einem halben Liter Was- 
ser anzusetzen. 

Als Alternative gibt es "Mi- 
steltropfen" aus der Apotheke. 
Die handelsübliche Misteltinktur 
wird im Verhältnis 1 Teil Droge 
zu 5 Teilen Alkohol hergestellt. 


37 





Die übliche Dosierung von S3mal schmuck in das Zimmer gehängt 


täglich 30 Tropfen dürfte wie- werden, sollten erst nach dem 
derum zu niedrig sein. Da Mi- ersten Frost geschnitten werden, 
steltinktur ca. 70 \ol.-Prozent da die Beeren sonst zu leicht 
Alkohol enthält, ist hier eine abfallen. 
Steigerung der Dosierung auf das Über die derzeitige kultische 
Zehnfache nicht unbedingt em- Verwendung der Mistel im Neuhei- 
pfehlenswert. Besonders die ak- dentum ist nichts Festgelegtes 
tive Teilnahme am Straßenverkehr bekannt, obwohl sich aus dem 
ist nach solcher Alkoholaufnahme traditionellen Brauchtum genü- 
nicht mehr möglich. gend Ansatzpunkte ergeven könn- 
Mistelkraut kann natürlich ten. Dies gilt insbesondere für 
auch selbst gesammelt werden. " die bevorstehende \Wintersonnen- 
Mit anderen in Mitteleuropa wende. Die Redaktion wäre für 
wachsenden Pflanzen zu ver- Gedanken und Anregungen dankbar 
wechseln ist die Mistel nicht. und wünscht allen Lesern - mit 
Die Mistel kann das ganze Jahr Mistel oder nicht - ein frohes 
über geschnitten werden. Mistel- Julfest! 


zuweige, die als Weihnachts- 


Henri Schladitz 


Geza von Nemenyi (erscheint Anfang 1988) 


Heidnifche Naturreligion 


Altüberlieferte Glaubensvorftellungen, Riten und Bräuce 


Erste Gesamtdarstellung des Heidentums nach den Textquellen, 
mit den überlieferten Ritualen. Aus dem Inhalt: Runen,Hexen, 
Mythen, Tyrkreis, Jahresfeste, Lebensfeste, Kultmelodien u.a. 


Johanna Bohmeier Verla 
Breite Str. 65 3134 Bergen a.d. Dumme Ruf: 05845/244 


38 


Das Rad des Jahres 


Ein Vorschlag zu einem Heidnischen Mondkalender 


Das Fest ist vorbei. Die 
letzten Gäste sind gerade zur 
Tür hinaus. Wir hatten meine 
Wohnung als Treffpunkt vor dem 
Ritual gewählt und danach auch 
hier gefeiert. Jetzt hängt noch 
etwas von der Stimmung in den 
Räumen, etwas Lachen wird von 
den tapezierten Wänden zurückge- 
worfen und das Licht der Kerzen 
auf dem Hausaltar spiegelt sich 
in den leeren Schüsseln, in 
denen sich Äpfel, Trauben, Korn 
und Gebäck, die reichen Gaben 
von Mutter Erde getürmt hatten. 

Nun ist es still geworden 
in der Wohnung und draußen hat 
Vater Himmel schwere Wolken 
zusammengerufen, die ihn wie mit 
einer dicken, stumpfschwarzen 
Schicht bedecken. Bald wird Thor 
dort oben donnern, Heimdall Re- 
gen herabschicken und Odins Wil- 
de Jagd durch die öden Straßen 
heulen. Doch unser Fest war auch 
eine Totenfeier. Der Sonnengott 
Baldr ist eingegangen zur Hel, 
zur Totengöttin, zur winter- 
lichen Erde. 

Meine Frau kommt mir vom 
Altar entgegen. Wir drücken uns 
aneinander. Es tut gut, jemanden 
bei sich zu haben in den kommen- 
den dunklen Zeiten - denn wir 


werden Baldr folgen, das Jahr 
wird sich verdunkeln, nach die- 
ser Herbst-Tagundnachtgleiche 
kommen Kälte und Schnee. Und für 
viele Wesen da draußen kommen 
Hunger und vielleicht sogar Tod. 

Vielleicht ist das der 
Grund, weswegen wir Trauer über 
den Anbruch der Dunklen Jahres- 
hälfte empfinden können, wir, 
die wir uns doch jenen Wesen im 
Herzen näher fühlen als denen, 
die den Winter nur anhand erhöh- 
ter Heizkosten und überfüllter 
U-Bahnen bemerken. 

Doch wie wir Trauer fühlen 
können, so können wir auch die 
Freude spüren, wenn die Tage 
länger werden, wenn zur Weihe- 
Nacht der Lichtgott dem Schoß 
von Mutter Erde entspringt. Da- 
für brauchen wir keinen Heiligen 
aus einem fernen Land, wir beob- 
achten das Wunder der Auferste- 
hung jedes Jahr neu. Wir sehen, 
wie Geburt, Wachstum, Alter, 
Tod und neue Geburt einen un- 
zerstörbaren Kreis bilden, in 
dem eines notwendig aufs andere 
folgen muß. 

So könnte man eigentlich 
das Julfest, die Weihe-Nacht, 
die Wintersonnenwende als unser 
wichtigstes Fest bezeichnen, 


39 





obwohl alle Feste wichtig sind. 
Fehlt ein Teil, so zerbricht der 


Ring. Doch zur Wintersonnenwende 
berühren sich seine beiden En- 
den, zu dieser Zeit werden 
Geburt und Tod eins. 


De. > 


PikrL2) 


BRCHE 





Den darauffolgenden ersten 
Monat des neuen Jahres nannte 
man in älteren, der Natur nähe- 
ren Zeiten - und einige tun das 
heutzutage erneut - HARTUNG oder 
HARTMONAT.Es ist dies oft die 
Zeit äußerster Härte für Nensch, 
Tier und Pflanze. Obwohl die 
Tage länger werden, nimmt die 
Wärme ab, denn die Erde hat sich 
abgekühlt. Auch die Wintervor- 
räte konnten in diesem Monat 
langsan, aber gnadenlos zur 
Neige gehen. Und draußen fiel 
noch immer Schnee und Eis lag 
über allen Wegen. 


40 


Der nächste, zweite Mond 
des Jahres bringt oft noch 


schlimmere Kälte, aber ebenso 
oft die ersten, plötzlichen war- 
men Tage. Sein Name allerdings 
hat weniger etwas mit dem Jahr 
und seinem Wetter zu tun als 
vielmehr mit frühem Einfluß des 
römischen Kalenders: 

HORNUNG oder HORNUNC leitet 
sich wahrscheinlich von "Horn" 
("Ecke", "Spitze") ab und be- 
zeichnet den Monat, der nach 
römischer Anordnung in der Ver- 
teilung der Tage zu kurz gekom- 
men ist. Hier sehen wir bereits, 
wie sich der abstrakte Begriff 
des "Monats" als ein festgeleg- 
tes Jahreszwölftel von seiner 
natürlichen Grundlage, dem Mond 
und seinen Phasen, entfernt hat. 

In die Zeit des zweiten 
Mondes fällt jenes Fest, das in 
germanischer Tradition FASTNACHT 
genannt wird. Der !\ame dieses 
Fruchtbarkeitsfestes leitet sich 
übrigens wahrscheinlich ener von 
den Worten "fasen" (=fruchtbar 
sein) und "fos" (=zeugen) und 
weniger vom kirchlichen Begriff 
"Fasten" oder von "Vastnacht" 
(="Vorabend", der Fastenzeit 
nämlich) ab. Bei den Schweden 
hieß es früher ja auch "Dis- 
ting", "Disablot" (=Disenopfer, 
Geisteropfer) oder "Fröblot" 
(nach dem Fruchtbarkeitsaott 
Freyr). Heiden, die mehr kelti- 
schen Vorstellungen folgen, nen- 
nen es nach der Göttin des 


inspirierenden Feuers BRICID. 
Sie könnte man als weibliche 
Entsprechung zum germanischen 
Freyr sehen, dem jungen Gott des 
aufblühenden Lebens und des le- 
bensspendenden Herdfeuers. 

So ist dies eine Zeit des 
Wachstums, aber auch des Kamp- 
fes. Es ist die Zeit, in der 
sich die erstarkenden Kräfte des 
Frühlings regen und die Last des 
Winters abzuschütteln versuchen. 
Es ist die Zeit, in der Freyrs 
Bote Skirnir die schlafende Erd- 
göttin aus der Zwingburg des 
Winters zu befreien versucht, in 
der Siegfried gegen den Drachen 
Fafnir antritt, in der der Prinz 
das Dornröschen wachküßt. 

Es ist die Zeit, in der die 
Mutter Erde den Jungen Gott aus 
ihrem Schoß entläßt, und ebenso 
dramatisch, wie dieser Vorgang 


ist, kann in diesem Mond das 
Schwanken zwischen grimmiger 
Kälte und früher, zaghafter Wär- 
me sein. Alles steht noch auf 
der Kippe. 

Der nächste Mond dagegen 
prophezeit selbstbewußt den Sieg 
von Licht und Leben, denn er 
heißt LENZUNG oder LENZMONAT. 
"Lenz" ist das alte Wort für 
Frühjahr und kommt von "lang". 
Und tatsächlich, länger werden 
sie, die Tage! Dennoch muß der 
Winter noch lange nicht geschla- 
gen sein. Gelegentlich hält er 
seine strenge Herrschaft noch 
bis in den vierten Monat hinein, 
den WANDELMOND. Dieser Name kann 
die endgültige Wendung zum Hel- 
len bedeuten, kann aber genauso- 
gut... nun ja, wir alle kennen 
das Aprilwetter! 





41 





Ebenso liegt die Frühlings- 
Tagundnachtgleiche mal in dem 
einen, mal in dem anderen lond. 
Sie wird allgemein nach der 
Frühlingsgöttin DSTARA genannt. 
Die ersten Knospen kommen, viel- 
leicht sogar die ersten Blätter. 
Plötzlich, fast von einen Tag 
auf den anderen, durchkreuzt das 
aufgeregte Singen der Vögel die 
Luft. Man kann den Frühling 
geradezu riechen. Die Fesseln 
des Winters werden zerrissen, 
Siegfried befreit die Walküre, 
das Mädchen Kore kehrt aus dem 
Totenreich an die Erdoberfläche 
zurück, Persephone gibt den 
schönen Knaben Adonis frei und 
er sinkt in die Arme von Aphro- 
dite. Der Himmelsgott und die 
Erdgöttin begegnen sich, er 
tränkt sie mit seinem frucht- 
baren Regen, der Gewitter- und 
Regengott Thor erlangt seinen 
Donnerhammer wieder, mit dem er 
die Winterriesen verjagt. 

Optimistisch gibt sich auch 
der nachfolgende, fünfte fionat, 
denn er heißt SONNWNOND. In sei- 
nen Bereich fällt ja schließlich 
das Fest HÜHE MAIEN (nach dem 
altitalischen Wachstumsyott 
Maius), das auch WALPURGIS (nach 
einer Kirchenneiligen, deren 
Name im christianisierten 
Volkstum für zahlreiche segen- 
bringende, weibliche Geister 
verwendet wurde) oder JELTANE 
genannt wird. Sein Tnema ist im 
Grunde mit dem des worangeyan- 


42 


genen USTARA-Festes und dem der 
nachfolgenden Sommersonnenwende 
identisch die Vereinigung von 
Göttin und Gott, ob sie nun als 
Große Mutter und Gehörnter, als 
Odin und Frigga, als Freyr und 
Freya oder wie auch immer be- 
zeichnet werden. 

Doch im Gegensatz zu 0STAR 
haben wir nun endeültig die 
letzten Schatten des Winters 
hinter uns gelassen, der Früh- 
ling geht in den Sommer über, 
die erste große Verwandlung ist 
abgeschlossen. Die Gewitter- 
wolken Thors werden vom klaren 
Himmel Odin weggeschoben. 
Zugleich ist aber in allen 
Dingen das Wachstum immer noch 
enthalten, es ist nicht wie am 
Sommerfest, an dem sich in die 
Freude bereits das Bewußtsein 
vom baldigen Niedergang ein- 
schleicht. Nein, an dieser Stel- 
le ist die Heiterkeit ungetrübt 
und das Fest ein reines Freuden- 
fest. 

Mit dem SONNMOND erhielt 
der Sommer seinen strahlenden 
Einzug in das Jahr, in den fol- 
genden drei Monden BRACHET, 
HEUERT und ERNTING erlebt er 
seinen Höhenunkt und beginnt 
zaghaft seinen Abstieg. Die 
Namen verdeutlichen, da? für 
unsere Vorfahren der Sommer 
keine Zeit kühler Lonadrinks am 
Swimming-Pool war, sondern cie 
härteste Arbeit im Jahr badau- 
tete. Eine Arbeit, von deren 


— 


AP DIE DAME VOM SEE mzzua |) 
$5] ERZIEHLI ARTVS VON DEM % 
N SCHWERT EXCALIBVR E24 b44 





Erfolg alles, die ganze Existenz 
abhing. Darum war der Segen der 
Erdmutter, des Sonnen- und 
Himmelsgottes, der Fruchtbar- 
keitsgötter und Feldgeister so 
unendlich wichtig. 

Der sechste Jahresmonat 
BRACHET (auch BRACHMOND, BRACH- 
MONAT) hat seinen Namen von der 
uralten Dreifelderwirtschaft. 
Nach der Kernernte im Sommer 
blieb ein Drittel der Felder 
ungenutzt. Während die anderen 
beiden Drittel im 
Frühjahr gepflügt und im Sommer 
geerntet wurden,  opfliücte ınan 
diesss Drittel erst im Sommer 


kommenden 


und baute dort herbhstfriüchte wie 


z.B. Rüben an. Dieser ständige 
Wechsel verhinderte jene einsei- 
tige Ausnutzung des Bodens, der 
uns aus den modernen Monokultu- 
ren nur allzu bekannt ist. 

"Pflügen" hieß damals "bra- 
chen" (von "brechen", das Wort 
"brachliegen" hat sich erst spä- 
ter daraus entwickelt), und so 
kam es zum "Brachmond". 

Die Bedeutung von HEUERT 
(auch HEUET, HEUMONAT) liegt auf 
der Hand und zeigt uns, daß mit 
ERNTING wonl die Ernte des 
Korns, nicht die des Heus ae- 
meint war. Und ebenso wohl die 
des Hanfs, von dessen alten 
Namen sich die Bezeichnung des 
LEINERNTZ-Festes herleitet. 

während LEINERNTE mit Si- 
cherheit immer im Monat ERNTING 
liegen wird, pendelt die Zeit 
der Sommersonnenwende mal in den 
HEUERT, mal in den gRÄCHET hi- 
nein. 

Das Fest an diesen Tag - 
wir wollen es WITTSOMMER oder 
(für diejenigen unter uns, die 
es mit den Kelten halten) LITHA 
nennen - kreist um die Pracht 
und die Macht, die die Götter 
entfalten. Das Licht feiert sei- 
nen Triumph und wir feiern mit 
ihm. Überall werden Freudenfeuer 
angezündet, der _Sonnenkänig 
umarmt die Sommerkünigin, in 
Ägirs Halla treffen sich die 
seligen Asen und !Wanen zum Fest- 
manl. 


43 





Doch ist der Höhepunkt im- 
mer bereits das Tor zum Abstieg: 
Der Sommerkönig vergeht in der 
gewaltigen, alle Grenzen spren- 
genden Ekstase der Vereinigung 
mit der Erdgöttin, den Sonnen- 
gott Baldr plagen böse Träume, 
und der arglistige Loki plant 
bereits seinen finsteren An- 
schlag. Das Rad dreht sich und 
dreht sich, es vereinigt Geburt, 
Wachstum, Alter, Tod und neue 
Geburt und alle Dinge müssen 
sich verändern. So wie uns der 
ewige Kreislauf Hoffnung be- 
schert, so müssen wir auch den 
Tod als eine seiner Gaben anneh- 
men. Wir werden an Odins Weis- 
heit erinnert, der durch seinen 
Tod an der Weltesche Yagdrasil 
das Geheimnis ewigen Lebens (in 
den Runen) erlangte. 

Das Fest LEINERNTE (oder 
HAGELFEST oder LUGNASAD) führt 
das Jahr und die Mythen des 
Sommerfestes weiter. Der Sommer- 
könig stirbt, Loki verspottet 
die Götter bei Ägirs Gastmahl. 
Zuleich spielt er mit seinen 
Schmähworten hintergründig auf 
die Vereinigung von Göttin und 
Gott an. Noch steht der 
Todesaspekt nicht im Vorder- 
grund, die Fruchtbarkeit des 
Jahres ist genauso wichtig, der 
Herbst, die Zeit der zweiten 
großen Verwandlung des Jahres, 
bricht erst an. Und mit dem 
Herbst wird Thor, der Gewitter- 
gott, dem die Hagall(Hagel)rune 


44 





geweiht ist, erneut kommen. Er 
wird verehrt und man bittet ihn, 
mit seinen Unwettern die Felder 
nicht zu verwüsten, und man 
verehrt seine Gemahlin Sif, de- 
ren goldenes Haar das nährende 
Getreide ist. Zugleich aber wird 
die gütige Mutter allen Lebens 
allmählich zur grausamen Schnit- 
terin, die altes Leben nimmt, um 
neues zu nmähren. Saturn, der 
Gott der Saaten hält auch die 
Sichel und gilt als Herr des 
Schicksals, welches dem Menschen 
zuletzt den Tod verheißt. Hades 
hat als Erdgott den Beinamen 
"Pluton" (="der Reiche"), aber 
sein Reich ist zugleich das 
Totenreich. 

Disser Aspekt der Unterwelt 
wird noch stärker im nächsten 
Fest, dem HERBSTFEST oder MABON. 
Es ist Tagundnachtgleiche im 
Herbst, und gleich stark sind 
nun auch die Kräfte von Leben 
und Tod. Wir danken den Kräften 
des Lebens für das Leben, wel- 
ches wir haben, und die Nahrung, 
die wir brauchen, um es zu er- 
halten. Darum heißt das Fest 
mitunter ERNTEDANK. Zugleich 
sehen wir mit Trauer, wie Baldr 
von Lokis Pfeil tödlich getrof- 
fen wird, wie die grünen Laub- 
blätter der Göttin Idun zur Erde 
sinken, wo sie zu Humus werden, 
wie der schreckliche Hades das 
Mädchen Kore in sein Reich ent- 
führt, was die Erdmutter Demeter 
zu ihrer halbjährlichen Un- 


fruchtbarkeit veran- 
laßt. Wir bereiten 


uns auf die einbre- 
chende Dunkelheit 
vor. 

Und länger wer- 
den sie nun gewiß, 
die Nächte, egal ob 
die Tagundnachtglei- 
che im Monat SCHEI- 
DING oder im Monat 
GILBHART liegt oder - 
wie im vergangenen 
Jahr 1987 u.Z2. - ge- 
nau auf dem Schwarz- 
mond zwischen beiden. 
Die Wortbedeutungen dieser zwei 
Monate (des meunten und des 
zehnten im Jahr) sind offen- 
sichtlich: das Abschiednehmen 
vom Sommer und die einsetzende 
Gelbfärbung der Blätter. 

Genauso deutlich zeigt sich 
die Bedeutung des Mondes NEBE- 
LUNG jedem, der zu dieser Zeit 
sein warmes Heim verläßt und in 
die satten, dichten Schwaden 
eintaucht. Nasses Laub liegt auf 
den Straßen und jeder Laut 
klingt gedämpft. Es ist die Zeit 
des Totenfestes, welches heißt 
WINTERNACHT, SAMHAIN oder HALLO- 
WEEN (von der Totengöttin Hel; 
die Bedeutung "all hallow even" 
= "Aller Heiligen Abend" brachte 
erst die Kirche auf). 

Odin tritt nun als Toten- 
gott auf, der seine Wilde Jagd 
(die Herbststürme) anführt, und 
an der Spitze der Götter zum 





Ragnarök reitet, zur SBötter- 
dämmerung der !intersonnenwende, 
bei der alles untergehen und 
wieder neu entstehen wird. Kore 
wird zur Unterweltskönigin Per- 
sephone. Ishtar steigt in die 
Unterwelt, um ihren Geliebten 
Tammız zu suchen. Der Jahres- 
könig ist eingegangen ins Land 
des Todes, von wo aus er wieder 
aufsteigen wird, wiedergeboren 
aus dem Schoß der Großen Göttin. 
Odin fällt vom Weltenbaum in die 
Tiefe. 

Die Nächte werden länger 
und kälter. Frau Holle schüttet 
ihre Wolkenkissen aus, die blei- 
che Hel regiert, die Erde deckt 
sich mit einem weißen Leichen- 
tuch zu. Die lebensfeindlichen 
Mächte, die Eis- und Frostriesen 
triumohieren. 

Doch schon reiten Götter 
und Einherier (die Geister der 


45 


Gefallenen) aus. Zur Winterson- 
nenwende (MITTWINTER oder 
JULFEST) kommt es zur Schlacht. 
Das Winteruntier, der Fenris- 
wolf, verschlingt Odin, Widar 
erschlägt den Fenriswolf, Thor 
tötet die Midgardschlange und 
stirbt selbst, Tod überall, kein 
Gott und kein Riese überlebt 
diese Schlacht. Doch, wie die 
weise Seherin, die Hexe, die 
Weise Frau, die Vertreterin der 
Erdmutter es schon vorher ver- 
kündete: "Da seh ich auftauchen 
zum andernmale aus dem Wasser 
die Erde und wieder grünen." 

Die Götter kehren wieder, 
unter ihnen auch der ermordete 
Lichtgott Baldr. Isis gebiert 
Horus, Kybele den Attis, die 
Große Göttin den lebensbringen- 
den Jungen Gott. Die Zeit tief- 
ster Finsternis ist zugleich die 
Große Wendezeit. Ein neues Jahr 
wird geboren. 

Wieder dreht sich das Rad. 
Bei den Kelten waren die Wörter 
für "Jahr" und "Rad" identisch 
und das Wort "Jul" könnte eben- 
falls mit einem alten, germani- 
schen Wort für "Rad" (englisch 
"uheel") zusammenhängen, obwohl 
das noch nicht gesichert ist. 
Gleichviel, wegen des Julfestes 
trägt der letzte Mond den Namen 
JULMOND (auch WINTERMONAT, 
SCHLACHTMONAT, WOLFMONAT). 
Klingt das nicht ganz anders als 
"Dezember"? - Zumal sich die 
lateinischen Namen "September" 


46 


(="der Siebente"), "Oktober" 
(="der Achte"), "November" 
(="der Neunte") und "Dezember" 
(="der Zehnte") nicht einmal auf 
unseren Jahreskreis beziehen, 
sondern nur den altrömischen 
Kalender widerspiegeln, der mit 
dem März anfing! 

Die Plazierung heidnisch- 
römischer Götter wie Janus ("Ja- 
nuar"), Mars ("März"), Maius 
("Mai"), Juno ("Juni") oder 
Kultbräuche (Februar = Reini- 
gungsmonat) mag gelegentlich 
unverständlich, bei Janus und 
Maius sogar einleuchtend, in 
jedem Fall zumindest erträglich 
sein, aber was haben römische 
Cäsaren wie Julius ("Juli") oder 
Augustus "August"') bei uns ver- 
loren? Weil der Atheist Bonifa- 
tius eine Eiche umgelegt hat, 
brauchen wir doch nicht diesen 
Unsinn mit uns herumzuschleppen! 

Aber wenn wir die Fehler 
der anderen kritisieren, dürfen 
wir unsere eigenen nicht ver- 
schweigen: Das Julfest liegt 
nämlich gar nicht im Julmonat! 
Zumindest nicht bei der von mir 
in diesem Artikel verwendeten 
Rechnung. Das Jahr wird geboren 
zu dem Zeitpunkt, an dem es 
stirbt: bei der Wintersonnen- 
wende. Der Tag wird geboren in 
dem Augenblick, in dem es 
stirbt: zur Mitternacht. Was ist 
da einleuchtender, als die Le- 
benszeit eines londes als die 
Zeit von seiner Geburt bis 'zu 


seinem Tod anzusehen: von 
Schwarzmond zu Schwarzmond? 
Zumal uns die Mondin das ja 
jeden Monat am Himmel neu vor- 
führt?! 

Nun gibt es aber ein Pro- 
blem: Da sich unsere Monate am 
echten, wirklichen Mondlauf 
orientieren, sind sie kürzer (29 
oder 30 Tage) als die künstli- 
chen Jahreszwölftel. Und damit 
passen sie nun nicht mehr so 
sauber und handlich in den - an 
dem Umlauf der Erde um die Sonne 
ausgerichteten - Jahreskreis! 
Sonne und Mond sind halt ver- 
schiedene Prinzipien! 

Ein Beispiel: In diesen 
Jahr 1988 u.Z. beginnt der 
Hartung durch seinen Schwarzmond 
bereits am 20.12.1987 u.Z. (also 
liegt genaugenommen das Julfest 
diesmal auf einen Tag im 
Hartung, nämlich am 21./22.12.) 
und endet am 19.1.8868 u.Z. Da nun 
alle weiteren elf Monde 29 bzw. 
30 Tage dauern, endet der letz- 
te, der Julmond, schon am 
9.12.88. Das Jahr endet aber 
erst am 21./22.12.83. Zwölf Tage 
bleiben übrig, gehören zu keinem 
Monat. Würde man sie bereits dem 
nächsten Hartung zurechnen, wür- 
de sich das ganze Mondjahr na- 
türlich ebenfalls weiter nach 
vorn verlagern und der Julmond 
'89 u.Z. endet dann irgendwo im 
November. Nach einigen Jahren 
liegt er dann wahrscheinlich im 
Sommer. Wohl kaum der Sinn der 





Übung! Was tun wir aber mit den 
überzähligen, (in diesem Bei- 
spiel) zwölf Tagen? 

Die Lösung liegt in der 
Einführung eines dreizehnten 
Monats, eines "Zwischenmonats", 
den auch nicht jedes Jahr hat. 
Die alten Germanen sollen schon 
auf diese Lösung gekommen sein. 
Lassen wir also am 9.12.88 einen 
Zwischenmond beginnen, so wäre 
er am 7.1.88 zu Ende. Der 
Hartung hätte sich wieder nach 
hinten verschoben und mit ihm 
die folgenden elf Monde: Der 
Julmond 1989 u.Z. müßte so unge- 
fähr um den 26.12.89 enden, also 
erst Tage nach dem Julfest. 

Das Prinzip ist also im 
Grunde ziemlich einfach: da 
zwölf Monde zusammen nur etwas 
über 350 Tage (19937: 354 Tage, 
19898: 353 Tage) ergeben, der 
Jahreslauf der Sonne aber 365 
Tage braucht, rutschen die zwölf 


47 





Mondmonate immer weiter im Son- 
nenkreis vor, bis die Winterson- 
nenwende einmal droht, in die 
zweite Hälfte (=nach Vollmond) 
des neuen Hartung zu fallen, der 
ja eigentlich schon zum nächsten 
Jahr gehört. Dann wird der Un- 
terschied zwischen den zwölf 
Mondkreisen und dem einen, 
großen Sonnenkreis schon so 
weit, daß man ihn nicht mehr 
tolerieren kann und ein drei- 
zehnter Monat eingefügt wird, um 
das ganze wieder auszugleichen. 
Jetzt liegt das Julfest wieder 
brav im Julmond, wo es eigent- 
lich hingehört. Also liegt es 
doch im Julmonat! Oder nicht? 
Oder doch? 

Aber laßt euch nicht ver- 
wirren! Zum einen klingt das 


Einige Anmerkungen: 


alles komplizierter, als es in 
Wahrheit ist, zum anderen ist 
dieser Kalender zwar immer noch 
zu kompliziert, um ihn für Ge- 
schäftsbriefe oder Reisetermine 
zu verwenden, aber er ist schö- 
ner als der sonst übliche und 
mehr an der Natur orientiert. 
Eine Datumsangabe zu einem 
Kultfest, die heißt "Am dritten 
Tag nach dem aufsteigenden Halb- 
mond im Gilbhart" ("PD + 3 GILB" 
als Abkürzungsvorschlag) ist 
einfach etwas anderes als ein 
anonymes "22.9.". Es drückt eine 
andere Aufmerksamkeit gegenüber 
den Geschehnissen auf unserer 
Erde aus. Und darum geht's uns 
doch, oder? 


Michael Frantz 


1. Unter dem Begriff "Schwarzmond" versteht man jenen Zeitpunkt im 
Monat, am dem der Mond verschwindet. Landläufig wird dieser eher 
"Neumond" genannt, was aber falsch ist, da der Mond ja ein oder zwei 
Nächte verdunkelt bleibt und dann erst "neu" wieder auftaucht. 


2. Erwähnt werden muß außerdem, 


daß sich zur Zeit wohl kaum eine 


heidnische Gruppe nach diesem Mondkalender richtet. Einige haben die 
lateinischen Monatsnamen gegen die ursprünglichen ausgetauscht , was 
aus obengenannten Gründen schon nicht schlecht ist, das herkömmliche 
Monatssystem aber auf ihren Festkalendern unangetastet gelassen, den 
zweiten Schritt also nicht vollzogen. Manche meinen auch, daß die 
Germanen ihre Monate von Vollmond zu Vollmond gerechnet hätten. Das 
mag stimmen oder nicht - einleuchtend ist es nur insofern, daß der 
Vollmond leichter zu bestimmen ist als der Schwarzmond. Sefühlsmäßig 
überzeugt es nicht. Unsere menschliche Daseinsform beginnt ja auch 
mit einem "Aufstreben" und endet mit einen "Niedergehen". 


48 





3, Der "Zwischenmonat" könnte einem Wicca-Terminus folgend "Zwischen 
den Welten" genannt werden, denn zur Wintersonnenwende werden Geburt 
und Tod eins und die Grenzen lösen sich auf. "Zwischen den Jahren" 
wäre ebenfalls möglich oder "Weihenächte", wie bei den Germanen die 
zwölf Nächte nach Mittwinter hießen. Vielleicht habt ihr bessere 
Ideen, dann schickt sie uns doch! 


Mr 


77217772 
VERESYZ S 





IMPRESSUM 
Redaktion: V.i.5.d.P.: 
Matthias Wenger Michael Frantz 
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Anzeigenpreis: 5,- DM pro Seitenachtel, private Kontaktanzeigen und 
Kontaktadressen werden umsonst abgedruckt. 


Die Redaktion dankt Henri Schladitz (für Beratung, Artikel und Spen- 
de), Bernhard Schulz (für Artikel und Spende), Harry Slibar (für den 
Computer), Arivey (für den Artikel), Hanna Müller (für die Hilfe bein 
Tippen und Kritik) und Baduila (für das Titelbild, welches allen 
gotischen Frauen gewidmet ist). 


49 


Daten des Heidnischen 


V = Vollmond 

H = Halbmond 

5 = Schwarzmond 
Hartung: 

S 20.12.87 
JULFEST 21./22.12.87 
H 2012487 

V 4.1.88 

H 12.1.88 
Wandelmond: 

S 18.3.88 

OSTARA 20.3.88 

H 25.3.88 

V 2.4.88 

H 9.4.88 

Heuert: 

S 14.56.88 
MITTSOMMER 21.56.88 
H 22.56.88 

V 29.56.88 

H 6.7.88 

Gilbhart: 

5. 11.9.88 

H 19.9.88 
HERBSTFEST 22.9.88 
V 25.9.88 

H 2.10.88 
Zwischenmonat: 

5 9.12.88 

H 16.12.88 

JULFEST 21./22.12.88 ” 
V 23.12.88 

H 31.12.88 

5° 7.1.89 


50 


Mondkalenders 1988 u.Z.: 


Hornung: 

5 19.1.88 

H 25.1.88 

V 2.2.88 

FASNACHT um 5.2.88 
H 11.2.88 
Sonnmond: 

S 16.4.88 

H 24.4.88 

V 2.5.88 


HOHE MAIEN um 6.5.88 
H 9.5.88 


Ernting: 

5 13.7.88 
H 22.7.88 
\V 29.7.88 
H 4.8.88 


LEINERNTE um 7.8.88 


Nebelung: 

5 10.10.88 
H 18.10.88 
V 25.10.88 
H 1.11.88 


WINTERNACHT um 6.11.88 


Lenzung: 

S 17.2.88 
H 24.2.88 
V. 33:88 
H 11.3.88 
Brachet: 
5416588 
H 23.5.88 
V 31.5.88 
H 7.6.88 
Scheiding: 
5 12.8.88 
H 20.8.88 
V 27.8.88 
H 3.9.88 
Julmond: 

5 9.11.88 
H. 16.1188 
V 23.11.88 
H., 11288 





Die Eibe 


Aus Bäumen schufen die Götter 
einst die ersten Menschen, als 
sie am Ufer des Meeres wandel- 
ten. Im Inneren eines Baums 
bergen sich auch die letzten 
Menschen, Lif und Lifthrasir, 
wenn die Götterdämmerung das 
Ende aller Ding mit sich 
bringt. Wir können das Wesen der 
Bäume richtig verstehen lernen, 
wenn wir bedenken, daß wir 
selbst einmal unsere Wurzeln 
tief in den Schoß der Erde hin- 
absenkten und unsere Arme ver- 
langend wie die Krone eines 
Baumes in die Weite des Himmels 
streckten. 





Dunkel und geheimnisvoll 
erscheint uns die Eibe, wenn wir 
die dichten, dunkelgrünen Nadeln 
und die starken, knorrigen Äste 
betrachten, die wie gegossenes, 
patiniertes Kupfer wirken. Und 
bei den meisten Eiben in unseren 
Parks und Wäldern scheinen ihre 
Äste direkt, wie aus einem Mit- 
telpunkt in der Erde auszustrah- 


len, ohne daß ihr Stamm über- 
haupt sichtbar wird. Auch dann, 
wenn Eis, Frost und tiefer 
Schnee das Antlitz der Nutter 
Erde verhüllen, behält sie die 
Pracht ihrer Nadeln - Sinnbild 
der Unzerstörbarkeit des Lebens 
auch in eisiger Winternacht. 

Deshalb, weil die Eibe wie 
jeder immergrüner Baum im tief- 
sten Winter Hoffnungen auf den 
kommenden Frühling spendet, sag- 
te wohl auch Hildegard v.Bingen 
über ihn: "Der Ybenbaum ist ein 
Sinnbild der Fröhlichkeit." Die 
Beziehung zum Unzerstörbaren, 
Ewigen spiegelt sich auch in 
ihrer Lebenszeit wider, Eiben 
können immerhin bis zu 2000 
Jahre alt werden. Eine Eibe bei 
Fortingall in Schottland, die 
schon an die dreitausend Jahre 
alt sein soll, gilt immerhin als 
ältester Baum Europas. 

Sicher ist die Eibe damit 
auch ein Baum gewesen, der uns 
mit der Tiefe des mütterlichen 
Erdenschoßes verbindet, in dem 
in der Wintersonnwendnacht das 
neue Licht als Ursprung des 
neuen Lebens und der ganzen kom- 
menden Frühjahrsvegetation er- 
wacht. Im alten Weihnachts- 
brauchtum spielt die Eibe des- 
halb auch eine wichtige Rolle, 
ihre Zweige und Nadeln lassen 
sich als Räucherwerk in den 


51 








heiligen zwölf Nächten gut ver- 
wenden. Die Beziehung zum müt- 
terlichen Urgrund bringt auch 
das Abecedarium Nordmannicum zum 
Ausdruck, wenn es über die die 
Eibe symbolisierende Rune YR 
Folgendes sagt: "YR enthält 
alles." Im älteren gemeingerma- 
nischen Futhork heißt diese Rune 
IHWAZ und sieht so aus: 


Das Holz der Eibe ist 
gleichzeitig zäh, hart und recht 
elastisch. Es eignet sich gut 
zur Herstellung von Bögen, Pfei- 
len und Armbrüsten, wird aber 












auch in der Möbelherstellung 
verwendet. Was ganz besonders 
traurig ist, weil die Eibe über- 
durchschnittlich lange Zeiten 
des Wachstums und der Entwick- 
lung benötigt und sich die 
Eibenwälder deshalb nicht so 
schnell regenerieren konnten, 
wie bei anderen Baumarten. Dies 
hat dazu geführt, daß die Eibe 
in Westeuropa schon fast gänz- 
lich ausgerottet wurde. 

Die beiden gegensätzlichen 
Eigenarten des Eibenholzes, Här- 
te und Elastizität, deuten in 
besonderer Weise auf eine dunkle 
weibliche Gottheit. Es ist die 
Mutter Erde, die zugleich be- 
täubt und tötet, also ihr ver- 
schlingender Aspekt und zugleich 
das Leben neu hervorbringt - 
erleben wir sie nicht auf diese 
Weise zur Wintersonnenwende? 
Dieses doppelte Antlitz der Göt- 
tin spiegelt sich auch im Er- 
scheinungsbild der Eibenfrüchte 
wider, die in ihrem verlocken- 
den, leuchtenden Rot in einem 
seltsamen Kontrast zum dunklen 
Grün des Nadelkleides ste- 
hen. Diese Verlockung kann 
verhängnisvoll werden, wenn 
man sich verleiten läßt. 
Denn die Beeren der Eibe 
enthalten wie auch alle 
ihre anderen Teile das gif- 
tige Taxin, das für Men- 
schen wie auch für Pferde, 
Kühe, Hunde oder Katzen 
tödlich sein kann. Schon 


die Ausdünstungen des Baums sol- 
len Benommenheit und Lähmung 
bewirken, wenn man sich längere 
Zeit unter seinen Zweigen auf- 
hält. Aus diesem Grunde gilt die 
Eibe auch als Totenbaum und 
wurde auf den Britischen Inseln 
oft auf Friedhöfen angepflanzt. 

Dem verschlingenden, zer- 
störenden Aspekt der Mutter 
steht in diesem Baum natürlich 
auch der schützende, behütende 
gegenüber: So läßt sich mit 
Eibenzweigen böser Zauber ban- 
nen: kreuzweise vor dem Hausein- 
gang übereinandergelegt kann man 
damit unsauberen Geistern den 
Zutritt verwehren. So wird das 
Fibengrün im Weihnachtsbrauchtum 
zu einer abwehrenden Kraft gegen 
die dämonische Finsternis, die 
zu dieser Zeit fast gänzlich das 
Licht der Sonne absorbiert. Im 
Spessart ist uns noch der Spruch 
überliefert: "Vor den Eiben kann 
kein Zauber bleiben." 

Die medizinische Anwendung 
der Eibe ist vielfältig: Taxin 
wurde lange Zeit als Herzmittel 
verwendet, auch für Abtreibungen 
hat man Eibenzubereitungen 
benutzt. In homöopatischen Zube- 
reitungen aus Eibennadeln werden 
"Nedikamente gegen Gischt, Rheuma 
und Leberkrankheiten gewonnen. 
Im Frühjahr 1986 wurden For- 
schungsergebnisse franzssischer 
Wissenschaftler bekannt, die aus 
Eibenrinde ein Mittel zur Zer- 
störung von Krebszellen ent- 


wickelt haben. 

Auch über die astrologische 
Einordnung der Eibe soll etwas 
gesagt werden. Das sehr langsame 
Wachstum und dementsprechende 
Alter, die Härte und Festigkeit 
des Holzes und die Bewahrung der 
Lebenskräfte auch unter här- 
testen äußeren Bedingungen: All 
dies läßt uns den Einfluß 
Saturns und seines Zeichens 
Steinbock erkennen, was man ein- 
mal astromedizinisch und astral- 
magisch weiter erforschen müßte. 





Wie wir den Geheimnissen 
des Baums noch weiter auf die 
Spur kommen könnten? Vielleicht 
dadurch, daß wir uns in den 
stillen Winternächten zum Stamm 
einer Eibe begeben, und sie mit 
dem Namen ihrer Rune leise an- 
raunens "IHWAZ - YR" Und wenn 
wir nur intensiv oenug in die 
Stille hineinlauschen, wird uns 
gewiß eine Antwort zuteil! 


Matthias Wenger 


Formen der Rune: 4: si 





Der Berserker 


Eine Fantasy-Geschichte in Fortsetzungen. Von Michael Frantz. 


Teil 1. 


"Holla! Fremder, was tust 
du da?" 

"Ich sitze und lausche dem 
Wind, den Vögeln, dem Wachsen 
der Bäume!" 

"Nackt?!" 

"Nackt." 

Ohne Furcht blickte der 
bärtige Mann dem Reiter entge- 
gen, welcher sein Pferd den 
grasbewachsenen Hang hinauf- 
trieb.Hoch zu Roß überragte die- 
ser um fast zwei lange Schritte 
den reglos Dasitzenden, dessen 
sehniger, braungebrannter Körper 
mit dem Wurzelwerk der Esche 
hinter ihm verwachsen zu sein 
schien. Neben seinen Schenkeln 
lagen seine zusammengefalteten 
Kleider, sowie in griffbereiter 
Nähe ein Kampfmesser und ein 
langer, schwerer Speer. Pfeile 
und Bogen dahinter zeigten, daß 
sich der Krieger auf seinen 
Wanderungen allein ernähren 
konnte,doch der runde, unbemalte 
Schild verriet nichts von seiner 
Herkunft. Akzent und die Sitte, 
die langen, blonden Haare im 
Nacken zu einem Zopf zusammen- 
zuflechten, kennzeichneten ihn 
als aus der Südlichen Wildnis 
stammend, doch Söldner aus jener 
Gegend gab es viele. 


54 





BR 


AN 





Der Reiter hatte aber noch 
keinen von ihnen nackt am Wald- 
rand sitzen und selig grinsen 
gesehen! 

"Ver bist du und wo kommst 
du her?" fragte er darum. "Bist 
du ein Mensch oder ein Wald- 
geist?" 

Der Fremde zeigte kräftige 
Zähne, als er lachend zur Ant- 
wort gab: "Nein, ein Waldgeist 
bin ich nicht. Doch sagt Ihr mir 
zunächst, wer Ihr seid, woher 
Ihr kommt und wohin Ihr wollt, 
denn i-c-h saß als erster hier!" 
Das hochaufragende Pferd vor ihm 
schien ihm keine Angst einzuja- 
gen. 





Verunsichert sprach der 
Reiter: "Mein Name ist Rolf und 
ich reite dem Zug der Prinzessin 
Irmgard von Welten voraus." 

"Da habt Ihr aber den fal- 
schen Weg genommen. Diese Straße 
führt nach Koronar, nicht nach 
Welten. Ihr hättet Euch vor dem 
Breiten See links halten sol- 
len!" 

"Taten wir auch! Aber der 
Rote Fluß war durch die starke 
Schneeschmelze über seine Ufer 
getreten, wir fanden weder eine 
brauchbare Brücke noch eine Furt 
und so mußten wir den ganzen Weg 
zurückfahren, um diesen zu neh- 
men." 

"Bedauerlich für Euch, gut 
für mich," bemerkte der Krieger 
knapp, stand auf und begann,sich 
anzukleiden. Der Reiter schaute 
ihm eine Weile zu, bevor ihn die 
Geduld verließ. "Schön und gut, 
aber, bei Mithra! sag mir end- 
lich deinen Namen!" 

Der Mann schaute kurz auf 
und fuhr dann ungerührt fort, 
mit den Tücken seiner Stiefel- 
bänder zu kämpfen. "Nennt mich 
Wulfgar. Ich bin Söldner und im 
Moment froh über die Aussicht, 
in Eurem Geleit sicher nach 
Welten reisen zu können. Viel- 
leicht gibt es dort Arbeit für 
mich, vielleicht..." er blickte 
dem Soldaten ins Gesicht, 
"vielleicht braucht ihr bei 
eurem Haufen eine gute Hand 
mehr..." 


"Das wird sich zeigen," 
brummte der Reiter. 

Gemeinsam zogen sie los. 
Nach ungefähr einer halben 
Stunde zumeist schweigenden Mar- 
sches erblickten sie vor sich, 
wo die Straße eine breite, mit 
niedrigen Birken bewachsene 
Mulde durchquerte, den Wagen der 
Prinzessin von Welten mit ihrem 
Geleitschutz. Jener bestand aus 
ungefähr einem dutzend schwerbe- 
waffneter Reiter, allesant wie 
auch Rolf mit Helm und schenkel- 
langem Kettenhemd angetan. Darü- 
ber trugen sie geschlitzte Tuni- 
ken im leuchtenden Blau-Weiß des 
Hauses Welten. 

Rolf grüßte den vordersten 
der Reiter, einen mächtigen Hü- 
nen mit rasierten Wangen: "Heil 
sei Euch, Thorich von Keltog!" 

"Heil. Wer ist der da?" 

"Ein wandernder Söldner. 
Ich griff ihn am Wegrand auf. 
Saß nackt da und lachte in die 
Welt hinein! Ich glaube, er 
heißt Wulfgang oder so ähnlich." 

"Wulfgar," verbesserte die- 
ser. "Zu Euren Diensten, Herr. 
Ich suche Arbeit und Brot." 

"Wir nehmen keine daherge- 
laufenen Wegelagerer," erklärte 
der Ritter vom Pferd herab. 
"Zieh deines Weges, Kerl oder 
ich lasse dir die Ühren ab- 
schneiden!" 

"ie Ihr wollt, Herr." Die 
Miene des Fremden wirkte kaum 
ärgerlich, eher sogar ein wenig 


55 





belustigt. Er hob seinen Speer 
ein wenig an und im nächsten 
Augenblick umgab ihn ein schüt- 
zender Ring aus Holz und Metall. 
Der Speer, den er wie einen 
Stock mit beiden Händen führte, 
bewegte sich schneller, als daß 
ihn das Auge erfassen konnte, 
beschrieb Kreise, Achten, über- 
raschende Bögen, die in zucken- 
den Stichen endeten, verwandelte 
sich sogleich wieder in ein Netz 
von Abwehren und Konterschlägen. 
Rolfs Pferd wich scheuend bei- 
seite, so daß der Reiter für 
einen Moment das Gleichgewicht 
verlor und sich gerade noch im 
Sattel halten konnte. 

Mit einem weiten Vorstoß in 
Richtung Thorich beendete 
Wulfgar seine Vorführung. "Na, 
wenn das nicht gut war!" meinte 
er mit breitem Lächeln. "Also, 
ich will mich ja nicht selber 
loben, aber sogar der Statthal- 
ter von Dur hat gesagt..." 

Er hielt inne. Entschloßene 
Gesichter blickten auf ihn he- 
rab. Der gesamte Trupp war an 
Torichs Seite geeilt, der jetzt 
finster sprach: "Verschwinde 
endlich, du! Wir..." 

"as ist denn hier los?" 
Die Pferde von Thorichs Beglei- 
tern tänzelten beiseite, gaben 
den Weg frei für eine schöne 
Frau in mittlerem Alter, deren 
wertvolle und saubere Kleidung 
keinen Zweifel an ihrem Stand 
offen ließ. Ihr folgten zwei 


Kammerfrauen in ebenfalls guten, 
aber nicht so aufwendigen Klei- 
dern. "Thorich! Die Darbietung 
dieses Recken war gut. Also ver- 
stehe ich nicht, warum Ihr den 
Mann nicht in Eure Dienste 
nehmt?!" 

"Herrin," erwiderte dieser 
stirnrunzelnd, "vom Kriegswesen 
verstehe ich mehr als Ihr. Ich 
stelle keine Unbekannten ein!" 

"yenn Ihr ihn schon nicht 
wollt, dann nehme ich ihn! Komm 
mit, Krieger, du kannst mir 
gewi3 von allerlei interessanten 
Dingen erzählen." Ohne eine Ant- 
wort abzuwarten, machte sie 
kehrt und lief zum Wagen zurück. 
Von ihren Zofen begleitet, folg- 
te Wulfgar nach, Thorichs grim- 
migen Blick im Rücken. 

Als sie den geräumigen 
Planwagen der Prinzessin er- 
reichten, wandte die sich an 
Wulfgar und erklärte: "Du mußt 
Thorich verzeihen. Er ist ent- 
setzlich mißtrauisch. Er hat ja 
auch recht! Gerade vor unserer 
Abreise... Danke!" Ein junger 
Kerl, der kein Rüstzeug trug, 
dessen Kleider aber auch zu 
schäbig und abgetragen waren, 
als daß er zur Dienerschaft der 
Prinzessin gehören konnte, half 
ihr in den Wagen. "...gerade vor 
unserer Abreise aus Stade ereig- 
neten sich schreckliche Dinge." 

Irmgard von Welten nahm auf 
einem samtbezogenen Schemel am 
Ende des niedrigen, gemütlich 


eingerichteten Wagens Platz. 
Wulfgar setzte sich vor sie auf 


die Felle, welche den Planken- 
boden bedeckten. "Davon hatte 
ich noch nichts gehört, als ich 
Stade verließ." 

"Es wurde auch erst kurz 
vor unserer Abreise bekannt. Ein 
Räuberhaufen hatte ganz in der 
Nähe den Hof eines reichen 
Gutsbesitzers überfallen. Sie 
sollen so gräßlich gehaust ha- 
ben, daß mir ihre Schandtaten 
nicht über die Lippen wollen!" 

Die beiden Kammerfrauen und 
der Jüngling waren ebenfalls in 
den Wagen geklettert und hatten 
auf den Bänken an den Tuchwänden 
Platz genommen. Zu fünft wurde 
es doch ein wenig eng. Hinter 
Irmgard konnte man den Kutscher 
auf den Bock steigen hören und 
Thorichs laute Stimme, die die 
Weiterfahrt befahl. Mit einem 
plötzlichen, harten Ruck setzte 
sich der Wagen in Bewegung. 

"An Eurer Stelle," bemerkte 
Wulfgar, "würde ich mir südlich 
des Breiten Sees weniger Gedan- 
ken über Räuber als über herum- 
streifende Nededen-Horden ma- 
chen." 

"Aber nicht doch!" wider- 
sprach ihm der junge Mann, des- 
sen wohlklingende, die Worte 
sauber formende Stimme in merk- 
würdigem Gegensatz zu seinem 
heruntergekommenen Äußeren 
stand. "Ich denke, die Nededen 
leben viel weiter südlich." 


"Nicht mehr. 
Letzten Herbst 


kam es erneut 
zu Streitigkei-: 
ten, Odin mag 
wissen, worüber 
nun schon wie- 
der. Jedenfalls 
hatte der koro- 
narische Statt- 
halter Durs die 
Faxen endgültig & 
satt,holte sich 
aus Koronar 
eine Eliteko- 
horte - die kam 
auch in Eilmär- 
schen herauf- 
marschiert! - 
sammelte Söld- 
ner, wo er sie 
nur finden konn- 
te, und stellte 
trotz des vor- 
gerückten Jah- 
res, trotz der 
ersten hHagel- 
stürme eine Ar- 
mee auf! Er \ R E 
lockte die Nededen auf 
unbewaldetes Gelände und, bei 
Thor! sie bekamen Prügel wie 
noch nie! Damit nicht genug, 
ließ der Statthalter aus Rittern 
der Umgebung und Waldläufern 
Kommandos bilden, die die zer- 
sprengten Nededen bis tief in 
die Wälder hinein verfolgten. 
Dur wird wohl für die nächsten 
zehn Jahre Ruhe haben." 









Die Prinzessin hatte ihm 
gespannt zugehört. "Das klingt 
ja so, als ob du selbst dabeige- 
wesen wärst." 

"War ich auch. Ich gehörte 
zu diesen Waldläufern und bei 
der Schlacht kämpfte ich ganz 
vorne." 

"Ihr scheint ein Held zu 
sein." Wulfgar blickte den Jüng- 
ling mißtrauisch an, doch er 
konnte keinen Spott in dessen 
Gesicht entdecken. Offen erwi- 
derten die grünen Augen seinen 
Blick. 

"Nein, ich bin kein Held." 
Der Krieger sprach jetzt leiser 
als zuvor. Es war, als ob die 
Maske des tollen Draufgängers 
abgefallen wäre und ein alter 
Mann darunter zum Vorschein 
käme. Er schien etwas sagen zu 
wollen, schloß seinen Mund wie- 
der, schwieg. Nach einer Weile 
sprach er nur: "Ich habe über- 
lebt." 

Das Schweigen schien den 
engen Wagen noch enger, schien 
ihn erdrückend eng zu machen. 
Wulfgar blickte zu Boden. Irm- 
gard sah ihn so lange an, bis er 
den Kopf hob und sie einander 
ins Gesicht schauten. 

"Vielleicht," meinte sie, 
ist Überleben Heldentum." 
Plötzlich, ohne äußeren Anlaß 
besiegte ihre natürliche Leben- 
digkeit die drückende Stimmung 
und sie rief: "Aber selbst, wenn 
du kein Held bist, wird Gunnar 


n 


58 


bestimmt einen aus dir machen! 
Das ist sein Handwerk und er 
versteht es derartig gut, daß 
man meint, er hätte vom Skal- 
denmet Odins getrunken!" 

Der Jüngling bekam rote 
Ohren. "Ihr übertreibt, Hoheit. 
Aber ich würde wirklich zu gern 
mehr von Euren Taten erfahren, 
Meister Wulfgar. Bestimmt läßt 
sich aus ihnen ein Lied, viel- 
leicht sogar ein Epos formen." 

"Auch ich bin ganz ge- 
spannt. Schließlich bist du mir 
das schuldig." Die Prinzessin 
schaute Wulfgar mit großen, er- 
wartungsvollen Augen an, die 
geradezu ins Unendliche wachsen 
zu schienen, und dieser spürte 
einen Schmerz und eine angenehme 
Hilflosigkeit zugleich. Ihre 
Worte vorhin waren kühl auf 
seinen Wunden gewesen und er 
hatte selten solche Frauen ge- 
troffen, in denen sich Reife und 
Würde der erwachsenen Frau, 
vielleicht mehrfachen Mutter mit 
einem guten Stück kindlich- 
freier Unbefangenheit vereinten. 
Der junge Barde, die artig 
schweigenden Hofdamen versanken 
ins Nichts, nur sie blieb, lau- 
schend, aufmerksam, prüfend, 
doch wohlwollend, eine warme 
Kraft ausstrahlend, von der 
Wulfgar wußte, wie mächtig sie 
sein konnte. Er hoffte nur, daß 
sie etwas ähnliches spürte. 

Dennoch war er auf der Hut. 
Die Menschen hier verstanden die 


Ursprünge nicht mehr, das Ei- 
gentliche würden sie ebensowenig 
verstehen, und er würde es auch 
nicht erzählen. Also sprach er: 
"jiel gibt es nicht zu berich- 
ten. Der Stamm der Nargier wird 
Euch wenig sagen, noch weniger 
die Sippe des Wolfs, der ich 
meinen Namen verdanke." 

Keine Reaktion. Das war 
gut. 

"Ich verließ die Südliche 
Wildnis als Söldner wie andere 
junge Stammeskrieger, diente 
zwei Jahre lang in Koronar, 
bevor ich letzten Herbst nach 
Dur geschickt wurde. Nachdem 
sich in Dur die Lage wieder 
halbwegs beruhigt hatte, wurde 
ich mit anderen zu 
den Kriegsschiffen 
versetzt, um den 
krogischen Seeräu- 
bern den Garaus zu 
machen. Zur See 
hatte ich aller- 
dings weniger 
Glück als auf dem 
Land und als unser 
geschlagenes Sciff 
im Hafen von Stade 
Zuflucht nahm, 
blieb ich gleich 
dort. Leider gab 
es in Stade keine 
Arbeit für mich. 
Dennoch war es 
gut, diese schöne 
Stadt besucht zu 
haben, denn dort, & 





Hoheit, sah ich Euch zum ersten 
mal." 

"Wirklich? Wo war das?" 

"Auf dem Markt, Ihr kauftet 
gerade ein. Der Ritter Thorich 
begleitete Euch, wenn ich mich 
recht entsinne. Eure Schönheit 
war wie bunter Frühling auf dem 
regengrauen Pflaster." 

Sie lachte. "Du führst 
deine Zunge wie Deinen Speer, 
Wulfgar aus der Südlichen Wild- 
nis! Vor dir muß man sich in 
Acht nehmen!" 










Auch die anderen lachten 
und für eine kurze Weile flogen 
die Scherzworte durch den engen 
Raum. Dann erzählte Wulfgar von 
seiner Heimat, Gunnar erzählte 
von seinen Reisen, und die Prin- 
zessin erzählte von Hofklatsch 
und von Politik, was sich nie 
ganz trennen ließ. Die Meilen 
glitten unter den Wagenrädern 
dahin und niemand merkte es, bis 
Thorich unvermittelt Befehl zum 
Anhalten gab. Nach wenigen Au- 
genblicken setzte sich der Wagen 
wieder in Bewegung und der Rit- 
ter erschien vor dem rückwärti- 
gen, offenen Ende des Fahrzeugs. 

"Hoheit," meldete er, "zwei 
Meilen voraus befindet sich ein 
Gasthof ." 

"Na endlich! Ich wollte 
schon nach Euch schicken. Gnade 
für meine armen Knochen! In 
diesem Wagen kommt man sich vor 
wie in einem Würfelbecher!" 

Erleichterung zeichnete 
sich auch auf den Gesichtern der 





anderen Fahrgäste ab. Laufen ist 
zwar anstrengender, fand 
Wulfgar, aber auch nur für die 
Füße! Sein Hintern jedenfalls 
sehnte sich nach weichem Laub 
oder sogar einem richtigen 
Bett... 

Der Gasthof lag direkt an 
der Straße, kurz hinter einer 
Abzweigung, die zu einem nahen 
Dorf führte. Dunkle Tannen umla- 
gerten ihn so dicht, daß man ihn 
auf der Straße eigentlich erst 
sehen konnte, wenn man schon 
fast vor ihm stand. Nachdem die 
Reiter in ihren schweren Ketten- 
hemden zuvor eine lange Strecke 
auf die pralle, eigentlich schon 
viel zu kräftige Sonne zugerit- 
ten waren, atmeten sie erleich- 
tert auf, als sie in den dichten 
Tannenwald eintauchten und nach 
einigen Wegkehren den gedrunge- 
nen, massigen Bau erblickten, 
der kühles Bier und ein gemütli- 
ches Plätzchen zum Ausruhen ver- 
hieß. 

Rolf lehnte bereits mit 
einem Humpen des ersehnten Ge- 
bräus am Eingangstor, neben ihm 
winkte der glatzköpfige Wirt den 
Ankömmlingen entgegen, während 
sich sein Gesinde und neugierige 
Gäste hinter ihm drängelten. Der 
Zug der Prinzessin Irmgard von 
Welten ritt ins Innere des Gast- 
hofs. 

Wulfgar sprang aus dem Wa- 
gen und half der Prinzessin beim 
Aussteigen, wofür sie ihn mit 


einem freundlichen Blick belohn- 
te. Während sie die wortreiche 
gegrüßung des Wirts entgegen- 
nahm, ließ Wulfgar einen unbs- 
haglichen Blick über die Anlage 
schweifen. Um ihn herum war ein 
Durcheinander aus erleichtert 
schnaufend von den Pferden 
rutschenden Reitern, geschäftig 
umhereilenden Schankleuten und 
gaffenden, allen immer im Weg 
stehenden Gästen. Dis Herberge 
hatte den Charakter eines Wehr- 
hofs und Yulfoar schätzte, daß 
kein einziges Fenster nach drau- 
ßen wies. Lediglich zwei einan- 
der entgegengesetzte Tore aus 
dicken, schweren Bohlen führten 
nach draußen. Der ungepflasterte 
Hof wurde auf der einen Seite 
von einen zweistäckiaen, stroh- 
gedeckten Langhaus, auf der an- 
deren von einer einfachen ‚Hauer 
aus Lehmziegeln beherrscht. 
Durch einen schmalen ARundbogen 
konnte man in einen weiteren iiof 
blicken, den ein Säulengang 
umschloß - im Einfiußgebiet der 
ehemalig attischen Kolonie Koro- 
nar gab es solche Verschmel- 
zungen von attischer Stadtkultur 
und ursprünglicher Stammeskultur 
öfters. 

Obwohl in diesen unsicheren 
Zeiten kein Hof auf wirksamen 
Schutz verzichtete, fühlte sich 
Wulfgar eher wie in einem Ge- 
fängnis als wie in einer Burg. 
Irgendetwas legte sich auf seine 
Kehle, wollte ihm die Luft ab- 


drücken, aber er konnte nicht 
sagen, was. 

Er sah sich nach den ande- 
ren um. Irmgard wurde gerade von 
pausenlos daherschwatzenden Wirt 
in die Schankstubs geleitet, die 
Reiter - sofern sie sich nicht 
bereits dort befanden - standen 
müßig herum und schwatzten, die 
Zofen Gunda und Isa waren schwer 
damit beschäftigt, die Kleider- 
truhen der Prinzessin ins Lang- 
haus zu schaffen, wobei ihnen 
der Barde Gunnar half. fiiemand 
schien zetwas zu spüren. 

"Heda, Schlachtenheld!" 
ließ ihn eine fröhliche Frausn- 
stimme aufschrecken. "Komm mal 
her und faß mit an!" Gunda van 
Eserbach, die jüngere von Im“ 


gards ofen, „lagte sich 





einer kleinen, wahl aber reich- 
lich schweren Kiste ab. "ulfogar 
sprang hinzu und nah ihr den 
Kasten aus den Händen. "Mas 


' be- 


Cepäck der Prinzessin..." 
merkte sie, wobei ihr Blick 
wohlgefällig an seinen anschwel- 
lenden, nackten ÜOberarmen und 
Schultern haftete, 07:35 
reichlich schuer, was?" 

Wulfgar brummte und lief 
inr hinterher. Eine breite Holz- 
treppe führte zu dem oberen 
Stockwerk des Langhauses, wo der 
Wärme wegen über Küche und Vieh- 
stall die besseren Gästezimmer 
lagen. Beim Hinaufsteigen sah 
Wulfgar durch ein Fenster ins 
Innere der Küche, in der die 





dicke Wirtin und ihre Magd auf- 
geregt mit Pfannen, Töpfen und 
Kesseln hantierten. Satter, sal- 
ziger Bratenduft trieb dem Krie- 
ger entgegen und sein Magen zog 
sich zusammen. In der Ferne 
schrie ein Schwein in Todesangst 
und Wulfgar mußte daran denken, 
wie eng das Leben des Einen mit 
dem Ende des Anderen verbunden 
war. 

Oben führte ein fensterlo- 
ser, von einer Kerze notdürftig 
erhellter Gang an den anderen 
Gästezimmern vorbei zum Gemach 
der Prinzessin, das ganz am Ende 
lag. Dort hatten bereits Isa und 
Gunnar eine große Kleidertruhe 
abgeliefert und erschöpft auf 
dieser Platz genommen, um ein 
wenig zu verschnaufen. Wulfgar 
ließ erleichtert den schweren 
Kasten neben sie niedersausen 
und mußte lachen, als der Barde 
blitzschnell seine dünnen Beine 
zurückzog. Halb entschuldigend 
klopfte er ihm auf die Schulter. 
"Komm mit, jetzt haben wir uns 
ein Bier verdient!" 

"Und einen Kuß!" lachte 
Gunda und ehe er es sich versah, 
hatte sie ihm einen auf die 
bärtige Wange gedrückt und war 
aus dem Zimmer verschwunden. 
Fassungslos blickte er ihr nach, 
was Gunnar zu einigen mehr oder 
weniger geistreichen Vergleichen 
aus dem Tierreich veranlaßte. 

Isa begann, die Truhen aus- 
zupacken und das gasthoftypisch 


62 


karge Zimmer auszuschmücken. Und 
da dies für Wulfgars feine Nase 
verdächtig nach Arbeit roch (und 
ein Kuß der Alten ihn nicht ganz 
so reizte wie Gundas breiter 
Mund), machte er sich eilends 
aus dem Staube. 

Im Gang kam ihm der Wirt 
entgegen, der gerade mit einem 
Gast stritt. Beschwörend sprach 
er auf jenen ein: "Bedenkt doch! 
Selbst der Handelsagent hat ohne 
Murren sein Zimmer dem Ritter 
Thorich von Keltog überlassen!" 

"Es geht nicht wm einen 
Edlen, sondern um einfache Krie- 
ger, vor denen ich und meine 
Leute das Feld räumen sollen!" 
knurrte der Angesprochene. 

"Aber jedes Kind sieht ein, 
daß eine Prinzessin eine Leib- 
wache in der Nähe haben will!" 

"Dann werft doch diesen 
Flickschuster und seine Gesellen 
aus ihrem Zimmer!" 

"Meister Isenbrecht hat 
sein Zimmer bereits freigegeben. 
Dort ziehen nämlich die Damen 
der Prinzessin ein! Holla, fast 
wäre ich im Dunkeln gegen Euch 
gelaufen!" 

Wulfgar brachte kein 
Wort der Entschuldigung mehr 
über seine Lippen. Als er die 
Stimme des Fremden gehört hatte, 
war es ihm vorgekommen, als ob 
Schnee auf seinem Rücken 
schmolz, und er war wie erstarrt 
stehengeblieben. Der Mann war 
die Antwort! 


Auch der Fremde hielt jetzt 
im Schritt noch inne. Auch er 
mußte es nun spüren, denn sein 
ganzer Körper verriet die An- 
spannung. Sie waren Feinde, 
Feinde, obwohl sie sich noch nie 
zuvor gesehen hatten. Wo der 
eine war, konnte der andere 
nicht sein! 

Viel konnte Wulfgar im dämm- 
rigen Licht von seinem Gegner 
nicht erkennen: die dunkle Haut 
und das schwarze Haar kennzeich- 
neten eine attische Abstammung, 
doch keineswegs von jener Art, 
wie man sie in den Straßen Koro- 
nars zu Gesicht bekam. Der Mann 
hier mußte vom fernen Attika 
selbst kommen, wie auch sein 
Akzent und die weiße Tunika, die 
er trug, verrieten. An seinem 
goldbeschlagenen Gürtel hing ein 
Dolch, an wWulfgars das Kampf- 
messer. Ein gerechter Kampf. 

Ein sinnloser Kampf. 
Wulfgar spürte die Wut heiß in 
seinen Gedärmen, seine Glieder 
zitterten, der Gott in ihm tob- 
te. Weg! schrie die Stimme in 
ihm, schaff den da weg! Töte 
ihn! 

Aber es gab nach eine ande- 
re Lösung. Ein Kampf war sinnlos 
und einer der beiden konnte, 
würde dabei sterben, ausweichen 
konnte man sich in dem engen 
Gang nicht, aber man konnte sich 
zurückziehen. Doch wer würde es 
tun? Wulfgar filhlte den Haß, der 
von dem anderen ausging. N\ürde 


er sich zurückziehen? Konnte er 
das überhaupt, ohne sein Gesicht 
zu verlieren? Wulfgar kannte die 
Gesetze der attischen Gesell- 
schaft nicht, Gegner wie diesen 
hätte er außerhalb seiner Heimat 
nie erwartet. 

Was nun? Diese Frage wir- 
belte durch Wulfgars Hirn. Sein 
Feind rührte sich kein bißchen, 
er glich einem regungslosen 
Tier, bereit auf die kleinste 
Bewegung hin zu fliehen oder 
anzugreifen. Der Wirt traute 
sich ebenfalls nicht von der 
Stelle. Nur sein Kopf pendelte 
ganz, ganz leicht mal in 
Richtung Wulfgars, mal in 
Richtung auf den Attiker. Offen- 
bar fühlte er sich nicht so ganz 
wohl zwischen diesen beiden 
Wahnsinnigen, die gleich über- 
einander herfallen würden. 

Was würde geschehen, wenn 
Wulfgar einen Schritt auf den 
Fremden zu machte ? Der Krieger 
überlegte fieberhaft. Flucht 
oder Angriff? Wulfger merkte, 
daß er nachdachte. Es war vor- 
bei! Wer sich ablenken ließ, 
verlor den Kampf! Er mußte sich 
zurückziehen, bevor es zu spät 
war. Oder hatte es der andere 
schon gemerkt? Sah er dis klei- 
nen Unsicherheiten in Uulfgars 
Haltung? Wulfgar wartete. Kein 
Angriff. Der andere wartete 
auch. Schweiß lief Wulfgars Arme 
hinunter. Rückzug oder nicht? 
Griff der andere in seinen 


63 





Rückzug hinein an? Hatte Wulfgar 
überhaupt eine andere Wahl als 
es zu riskieren? Er wartete. 
Sein Gegner wartete. Regungslos. 
Da hielt es der Wirt nicht 
mehr länger aus! Er sagte ir- 
gendetwas, Wulfgar verstand es 
nicht, es war auch ganz egal, 
Wulfgar sprang zurück! 
...und erwartete den An- 
griff. 


...der nicht kam! Die 
Haltung des Attikers entspannte 
sich und geräuschvoll und be- 
freit atmete er aus. Wulfgar 
konnte nicht anders, er mußte 
einfach hemmungslos lachen! 
Lachend und mit weichen Knien 
torkelte er in Irmgards Gemach 
zurück und warf die Tür hinter 
sich zu. 


Fortsetzung in der nächsten Ausgabe 





64 


Kultstätten des 


Seit ältester Zeit gilt der Harz 
als eines der zentralsten deut- 
schen Mittelgebirge zu jenen 
sageumwobenen Regionen, in denen 
alte, vorchristliche Überliefe- 
rungen ihre heimliche, verbor- 
gene Wirksamkeit entfalteten. An 
manchen Orten sind sogar heute 
noch Reste kultischer Einrich- 
tungen vorhanden, ganz abgesehen 
natürlich von den feinstoff- 
lichen Schwingungen der Kraft- 
orte oder jahrhundertelangen 
kultischen Tuns. 





Wer z.B. aus Berlin kommend 
diese kultischen Relikte des 
Heidentums auf sich wirken las- 
sen will, kann auch die meisten 
hier geschilderten Stätten in 4 
- 5 Stunden Fahrt erreichen. 

Das besondere Chrakteristi- 
kum disses Gebirges liegt nun 
u. a. darin, daß es durch die 
vielen verwinkelten und schmalen 
Höhenzüge und die sich daraus 
ergebenden Täler als typisches 
Rückzugsgebiet betrachtet werden 
kann - ideal als eine Landschaft 


Harzes 


mit tausend verwunschenen 
Plätzen und Zufluchtsorten für 
um die Jahrtausendwende ver- 
folgte Heiden, Priester und 
Weise Frauen (Hexen) gleicher- 
maßen, gewissermaßen als eine 
"ökologische Nische" für das 
Heidentum in diesem Raum. Liegt 
doch der Harz auch ungefähr in 
jenem Bereich, der das Territo- 
rium der seit kurzer Zeit be- 
kehrten Sachsen von den "barba- 
rischen", immer noch dem Heiden- 
tum verhafteten Wenden trennte. 

Zu jener Zeit, bedeckt mit 
dichten Buchenwäldern(im Gegen- 
satz zu den heute im Harz domi- 
nierenden Fichten) und vom deut- 
schen Kaiser als Jagdgebiet für 
die Bauern der umliegenden 
Regionen für tabu erklärt, war 
der Harz ideal für Menschen,die 
sich vor der Intoleranz des 
christlichen Zeitalters schützen 
wollten. 

Der Name hängt eigentlich 
mit hercynia, Horst, Waldgebiet, 
Forst zusammen und nicht, wie 
manche glauben machen wollten, 
mit Herz (als Herz Deutsch- 
lands). Obwohl die eigenartige 
Struktur der Bergzüge und die 
zentrale Lage in Mitteeuropa 
vielleicht etwas an die "Herz"- 
Symbolik erinnern mögen. 

Benerkenswerte Zeugnisse 
für die Auseinandersetzung des 


65 





missionarisch eifernden Chri- 


stentums mit dem alteingeses- 
senen heidnischen Glauben finden 
wir bereits am nördlichen Harz- 
rand, in Goslar.Die frühgotische 
Neuwerkkirche gibt uns einiges 
von dieser Situation noch heute 
zu erkennen. 








Die Pfeiler der Apsis sind außen 
mit eigenartigen Gesichtern ge- 
schmückt, die z.T. von Vögeln 
oder auch Wölfen flankiert sind 
- bei einigen dieser Gesichter 
scheinen seltsame Ströme aus 
ihrem Munde auszugehen - handelt 
es sich um Darstellungen ODINS, 
des alten germanischen Gottes 
mit den beiden Raben und Wölfen, 
der auch zugleich Gott des Wel- 
tenodenms ist? 





Wie auch bei anderen Kir- 
chen dieser Zeit (die Neuwerk- 
kirche wurde gegen 1100 erbaut) 
bemühten sich die Christen, den 
Einfluß der alten Götter zu 
bannen, indem sie sie an die 
Außenseite ihres Heiligtums ver- 


























bannten. Fürchtete man doch um 
den Einfluß dieser Wesen, auf 


deren heiligen Stätten man 
unverschämterweise die christ- 
lichen Kirchen oft errichtet 
hatte. Aber auch innerhalb die- 
ser gotischen Kirche finden wir 
zwei sehr eigenartige : 
Skulpturen, die die Götter der 
alten Religion in seltsam ver- 
zerrter Form darzustellen schei- 
nen. 

Eine echte heidnische 
Kultstätte können wir entdecken, 
wenn wir an der Grenze zur DDR 
entlang ca. 30 km Richtung Süden 
fahren: Auf dem Wurmberg bei 
Braunlage befindet sich ein noch 
relativ gut erhaltener Stein- 
kreis, der vermutlich aus der 
Bronzezeit stammt! Die Kabinen- 


seilbahn bringt uns in abenteu- 
erlicher Fahrt aus dem elendig- 
geschäftigen Treiben Braunlages 
hinauf in die weihevolle Stille 
der 1000 m hohen Wurmbergspitze. 
Ein aus z.T. noch kniehohen, 
hellen Steinbrocken bestehender 
Steinkreis, in dessen Mittel- 
punkt sich ein quadratisches 
oder rechteckiges Fundament 
(vielleicht mit einem ebensol- 
chen Gehäuse) befand, ist dort 
oben noch gut sichtbar. In 
Richtung Osten führte eine als 
Prozessionsstraße gedeutete 
Steinformation, im Volksmund als 
Heidentreppe bekannt. Aufgrund 
der erst nach dem 2.Weltkrieg 
erfolgten, erstmaligen Grabung 
datiert man diesen Steinkreis 
auf mindestens 1000 v. Chr. 

Hochinteressant ist es nun, 
wenn wir die nähere Umgebung 
dieser Bergspitze betrachten. 
Denn in 3 - 4 km Luftlinie Ent- 
fernung können wir bei klarem 
Wetter den Gipfel des Brockens 
erblicken, jenes sagenumwobenen 
vom kultischen Treiben der Hexen 
kündenden Berg, auf den ganze 
Generationen angsterregter Kle- 
riker ihre Dämonenfurcht proji- 
zierten. Hier haben wir nun ein 
ganz klares Indiz für den Zusam- 
menhang der den Hexen zuge- 
schriebenen kultischen Handlung- 
en und vorchristlicher, viel- 
leicht sogar bronzezeitlicher 
Religiosität. Denn mit Sicher- 
heit wurde dieser Steinkreis zu 


68 





rituellen Zwecken benutzt, bei 
denen es um die Verehrung der 
Gestirne ging- wie die For- 
schungen über andere Steinkreise 
(Stonehenge z.B.) eindeutig be- 
legen. Und bei solch geringer 
Entfernung der beiden Berges- 
spitzen muß es einen kultischen 
Zusammenhang zwischen Brocken 
und Wurmberg gegeben haben. Da- 
mit haben wir weitere Gewißheit 
darüber gewonnen, daß der Ritt 
der Hexen zum Blocksberg 
(=Brocken) kein bloßer alberner 
Volksaberglaube gewesen ist, 
sondern daß hier Erinnerungen an 
uralte kultisch-religiöse Hand- 
lungen weiterlebten. 

Eine recht geheimnisvolle 
Örtlichkeit finden wir auch in 
der bei dem Dorfe Scharzfeld am 
Südrand des Harzes gelegenen 








Steinkirche. Es handelt sich um 
eine riesige, nach einer Seite 
hin offene Höhle, die wirklich 
jeden ihrer Besucher einem 
mystischen Sog unterwirft. Daß 
es hier wirklich einmal eine 
heidnische Kultstätte gegeben 
haben muß, beweist ganz eindeu- 
tig eine christlich geprägte 
Volkssage über den Ursprung der 
Höhle. Nach ihr soll ein christ- 
licher Missionar einst mit einer 
hölzernen Streitaxt auf den Fel- 
sen eingeschlagen haben, als ihn 
die Heiden umbringen wollten. 
Darauf hätte sich dann die 
Höhlung der Steinkirche durch 
ein "Wunder" gebildet, um als 
Verehrungsstätte des christli- 


chen Gottes zu die- 
nen. Das Lügneri- 
sche dieser kleri- 
kalen Legende be- 
weisen jedoch die 
Ausgrabungsergeb- 

nisse aus den Zwan- 
ziger Jahren: Man 
fand nämlich eine 
Rentier jägerstation 
mit Besiedlungsspu- 
ren von vor 8000 - 
15 000 Jahren. Un- 
ter anderem wurden 
Messer, Kratzer, 
Klingen, Feuerstei- 
Be ne und eine Kno- 
chennähnadel gefun- 
den. Noch heute 
sind in der Höhle 
eine in den Felsen 
gehauene Kanzel mit drei ummit- 
telbar davor liegenden Stufen zu 
sehen, wobei die christlich- 
sakrale Nutzung dieser Einrich- 
tungen fraglich ist. Ebenso kann 
es sich um einen heidnischen 
Altar handeln, die Funktion der 
drei ziemlich hohen Stufen im 
Sinne eines christlichen Rituals 
ist auch nicht ersichtlich, es 
können genauso Sitzgelegenheiten 
für mehrere übereinander sitzen- 
de Priester gewesen sein, wie 
dies in der Einleitung zum eddi- 
schen Gylfaginning geschildert 
wird. Auch ein in der Höhle be- 
findliches, in den Boden einge- 
lassenes Weihwasserbecken könnte 
Bedeutung innerhalb eines heid- 


69 














nischen Opferkults gehabt haben. 
Einen rechts mysteriösen Fund 
machte man im Jahre 1937 bei 
einer Ausgrabung, nämlich einen 
Steinsarg, in dem sich ein weib- 
liches Skelett befand. 

Dieser Sarg erinnert in 
starkem Maße an den Sargstein 
bei den Externsteinen, der sich 
dort unterhalb der wintersonnen- 
wendlichen Höhle befindet und 
möglicherweise Initiationszwek- 
ken diente. Diese Parallele muß 
für irgendwelche Leute so stö- 
rend gewesen sein, daß "man" den 
größten Teil dieses Sarges, näm- 
lich jenen, in dem Kopf und 
Rumpf ruhten, verschwinden ließ. 
Schließlich wurde dann die Hypo- 
these verbreitet, daß es sich 
bei den Gebeinen um das Skelett 
einer Äbtissin aus dem früheren 
Kloster Pöhlde handelte. Der 
Steinsarg soll sich übrigens 
unmittelbar unterhalb der drei 
zur Kanzel führenden Stufen be- 
funden haben. 

Ein weiterer sehr interes- 
santer Punkt in der Höhle ist 
eine rhombische Öffnung in der 
Höhlendecke, durch die man vom 
Höhlenboden aus vielleicht 
bestimmte Punkte am Sternenhim- 
mel fixieren konnte. Oder war es 
ein Sinnbild der Öffnung des 
mütterlichen Erdenschoßes für 
die Kräfte des Himmelsvaters? 
Dies ist aber auch zugleich der 
Eindruck, den die Höhle als 
Ganzes vermittelt - eine uralte 


70 


Kultstätte der Großen Mutter. 
Vor dem Haupteingang der Höhle 
befinden sich links davon noch 
einige kleinere in die Felswand 
gemeißelte Höhlungen, in einer 
ist sogar ein Durchgang zu einem 
bewaldeten Abhang, auf dem man 
zu einem hohen, aber leicht 
ersteigbaren, allein stehenden 
Felsen gelangt. Auf dessen Spit- 
ze sind noch stufenförmige Bear- 
beitungsspuren sichtbar, die je- 
denfalls für irgend welche 
kultischen Zwecke im christli- 
chen Sinne überhaupt keine Be- 
deutung ergäben. 

Wesentlich klarer in seiner 
urreligiösen Bedeutung erscheint 
uns ein anderes steinernes Hei- 
ligtum, das wir am Rande des in 
einem romantischen Talkessels 
gelegenen Bad Grund finden: Es 
ist der Hübichenstein, ein rie- 
siger, wie ein Menhir erschei- 
nender langer schmaler Felsen, 
der nach dem Zwergenkönig Hübich 
oder Gybich benannt ist. 

Man wird die Faszination 
einer solchen Stätte als Zugang 
zu einem unterweltlichen Bereich 
des Zwergenvolkes nur verstehen 
können, wenn man sich in die 
naturreligiöse Vorstellung einer 
lebendigen, schöpferischen Kraft 
im Innern der Steine, Mineralien 
und Metalle hineinversetzt. 
Diese Kraft wurde in den soge- 
nannten Elementargeistern perso- 
nifiziert wahrgenommen, als die 
Menschen noch ihre ursprüngli- 





chen intuitiv-visionären Bewußt- 
seinsqualitäten hatten. Davon 
legen auch die zahlreichen Zwer- 
gensagen des Harzes Zeugnis ab. 
Es wird berichtet, daß Menschen, 
die den Hübichfelsen besteigen 
wollten, von unerklärlichen 
Schrecken befallen wurden, auch 
z.B. nach einiger Zeit des Auf- 
stiegs nicht mehr herunter ka- 
men. Von einem dieser Kletter- 
künstler kündet die Volkssage, 
daß Hübich ihm begegnete und ihn 


rettete. Allerdings unter der 
Bedingung, daß er hinfort wei- 
tere Entweihungen seines Heilig- 
tums durch Neugierige nach Kräf- 
ten verhindern müsse. Er wurde 
daraufhin auch in die unterirdi- 
schen Gemächer des Felsens ge- 
führt, die wie von überirdischer 
Pracht voller Gold, Silber und 
Edelgestein schienen. Die Zugän- 
ge zu diesem unterirdischen 
Reich sind noch heute sichtbar: 


71 





Es sind eine ganze Reihe von 
Höhlen und tief hinab führenden 
Felsklüften, die sich am Fuße 
des Hübichensteines befinden. 
Wer dieses Heiligtum besucht, 
begebe sich einmal in diese 
zwischen Erde und Felsen befind- 
lichen Vertiefungen, raune dort 
die UR-Rune oder die magischen 
Namen der Erdgöttin. Mit Sicher- 
heit werden sich einige interes- 
sante Erlebnisse einstellen. 
Keineswegs sollte man eine 
Harzrundfahrt beenden, ohne das 
Hexenmuseum in Clausthal-Zeller- 
feld aufzusuchen. Es bietet ei- 
nen umfassenden Einblick in die 
Überlieferungen über den Hexen- 
kult und seine Zusammenhänge mit 





der Alten Religion. In zahlrei- 
chen Dioramen werden kultisches 
und magisches Brauchtum, Volks- 
märchen, kultische und ge- 
schichtliche Stätten plastisch 
dargestellt. Auch die Greuel der 
Hexenverfolgung werden anschau- 
lich gemacht, was für ein staat- 
lich gefördertes Museum beson- 
ders bemerkenswert erscheint. 

Natürlich sind die vorzeit- 
lichen Sehenswürdigkeiten, die 
wir hier geschildert haben, nur 
ein Bruchteil des Sehenswerten. 
Aber man sollte sie auf einer 
erstmaligen Rundreise auf keinen 
Fall verpassen. 


Matthias Wenger 





oODIN als Schamane 


Wenn wir uns mit heidni- 
schen Mythen beschäftigen, fällt 
uns immer wieder ins Auge, wie 
nahe die Götter dem Wesen des 
Menschen stehen, wie sehr sie 
Prototypen bestimmter gesell- 
schaftlicher Idealgestalten ver- 
körpern. Diese Götter sind eben 
nicht, wie der christliche Gott 
unnahbare, bloß verehrungswür- 
dige Gestalten, sondern Wesen, 
in denen der Mensch sein eigenes 
Tun und Streben wiedererkennt. 

Dies gilt in besonderem 
Maße von ODIN-WODAN, dem altger- 
manischen Vater des Götterge- 
schlechts, Menschenschöpfer, 
Magier und Totengott. 

Zu lange ist sein Wesen aus 
dem Gesichtswinkel schiefer 
chauvinistischer Vorstellungen 
hauptsächlich in die Richtung 
eines Gottes der Kämpfe und 
Schlachten fehlinterpretiert 
worden. Die Entstellungen des 
unruhigen und militanten Zeital- 
ters der Völkerwanderung haben 
dazu das ihre getan. 












Daß aber ODIN in erster 
Linie der Herr der magischen 
Selbsteinweihung, der Beschwörer 
und Neophyt der Großen Mutter 
gewesen ist, konnte dabei leicht 
ins Hintertreffen geraten. 

Es beginnt schon damit, daß 
DDIN in der Edda selbst immer 
wieder als Suchender, als nach 
Weisheit und Erkenntnis Gieriger 
geschildert wird: 

"Viel fuhr ich, 

viel erforschte ich, 
viel befragte ich Erfah- 
rene." 
(Wafthrudnismal) 

Dieser Gott gibt also zu, 
nicht allwissend und übertrieben 
weise zu sein. Er lehrt die 
Menschen, nicht zu sehr auf sich 
selbst zu vertrauen, sondern aus 
dem Wissen anderer zu schöpfen 
und von ihnen zu lernen. Der 
Maßstab für die Weisheit der 
anderen ist dabei stets deren 
Erfahrung, was mit ihrem Alter 
und ihrer Reife zusammenhängt. 
Deshalb wendet sich ODIN auch 








den Riesen zu auf seiner Suche 
nach Weisheit, jenen Wesenhei- 
ten, aus denen nach den Berich- 
ten der Edda die Geschlechter 
der Götter und der Menschen, ja 
die Schöpfung des Weltalls 
selbst hervorgegangen sind. 
Obwohl die Riesen als eine 
prähistorische Stufe der biolo- 
gischen Evolution die Ahnen der 
Götter sind, gelten sie zugleich 
als ihre Feinde - und dies kenn- 
zeichnet einen weiteren wichti- 
gen Charakterzug ODINS: Er be- 
gibt sich auf seiner Reise zu 
den Riesen in tödliche Gefahr, 
riskiert Kopf und Kragen, um 
vorzeitliche Weisheit zu erlan- 
gen. Hier haben wir einen Hin- 
weis des Mythos auf die Gefahren 
esoterischer Arbeit. DODIN wird 
aber damit auch zum deutlichen 


Gegenpol aller 
bloß intellek- 
tuellen Spiele- 
rei mit esote- 
rischem Wissen. 
Er setzt viel- 
mehr sein Leben 
ein, um das 
Ziel zu errei- 
chen. 

Eine an- 
dere Geschichte 
aus der Edda 
zeigt noch viel 
deutlicher, daß 
der Preis für 
magische Er- 
kenntnis das 
Opfer bisher gepflegter Bewußt- 
seinsformen beinhaltet. 

Es ist die Geschichte vom 
Mimirsquell: ODIN opfert sein 
eines Auge, um aus diesem Quell 
einen Trunk zu erhalten. Dies 
ist ein Sinnbild für die Öffnung 
des Scheitelauges, das in dem 
Augenblick benutzbar wird, wenn 
man einen Teil der Wahrnehmungs- 
kraft auf die mystische Innen- 
welt richtet. Der Hüter der 
Quelle, ein weiser Riese namens 
Mimir verkörpert vergangene Be- 
wußtseinszustände der Mensch- 
heitsevolution, wie wir sie im 
Organ der Zirbeldrüse und im 
Althirn repräsentiert finden. 

Daß ODIN im Mythos Mimirs 
Schädel beschwört, um Weisheit 
zu erlangen, gibt bereits einen 
wichtigen Aufschluß über die 


A, WW 
A 





mystische Symbolik der eddischen 
Mythen. Es soll damit gesagt 
werden, daß das Aktivieren höhe- 
rer Bewußtseinszentren im 
menschlichen Gehirn eine Rück- 
verbindung mit den Erfahrungen 
der eigenen Ahnen schafft. 

Eine wesentliche Rolle für 
ODINS spirituelle 
spielt ferner seine Stellung zur 
großen Muttergöttin. 

In dem eddischen Lied 
"Baldurs Träume" wird geschil- 
dert, wie ODIN das Schicksal der 
Götter und des Lichtgottes 
Baldur zu erkunden versucht, 
indem er die Wala beschwört, 
eine in der Erde ruhende, tote 
Seherin. 


Existenz 


Der göttliche Magier ver- 
traut also auch hier nicht nur 
seiner eigenen “Kraft, sondern 
sucht nach dem Schicksalswissen 
der Priesterin. 






"Schweig nicht, Wölwa! 

Ich will Dich fragen, 

bis alles ich weiß." 
So heißt es in dem angeführten 
Lied. 





Einleitung des Wafthrudnir- 
Liedes ODINS Haltung zur Göttin: 
Vor einer riskanten magischen 
Operation, der Reise zu dem 
weisen Urzeit-Riesen Wafthrudnir 
fragt er seine Gemahlin, die 
Göttin Frigga, die die Mutter 
Erde verkörpert, ob er die Reise 
auch wagen dürfe. 

Ein anderer, wesentlicher 
Zug ODINS ist seine Beziehung 
zum Rausch, zur Ekstase. 

Schon die alte mythische 
Zuordnung als Gott des Windes 
und des Sturmes, sowie das Auf- 
treten ODINS in der Wilden Jagd, 
auch die etymologische Auswer- 
tung des Namens WODAN (WUDDAN = 
Wut) deuten auf die Wichtigkeit 
gesteigerter Bewußtseinsenergie 


75 


und ekstatischer Dynamik. Die 
Berserker, WODANS Geweihte, sind 
bekannt für ihre Fähigkeit, alle 
körperlichen Beschränkungen im 
Gefolge gesteigerter Kampfeslust 
zu vergessen - eine Bewußtseins- 
form, bei der alle Vielfalt des 
seelischen Chaos einem unzer- 
störbaren magischen Willen gewi- 
chen ist. 





Hier können wir direkt an- 
knüpfen an eine magische Fähig- 
keit DODINS, den Gestaltwandel 
vom Menschen zu verschiedenen 
tierischen Formen. Es ist be- 
kannt, daß die Zauberer sich auf 
der Ebene der Traumwelt, der 
astralen Ebene, in Tiere, aber 
auch in Pflanzen verwandeln, um 
dadurch die Kräfte und Fähigkei- 
ten des betreffenden Lebewesens 
anzunehmen. 

So verwandelt sich ODIN im 
eddischen Odrörir-Mythos zeit- 
weilig in eine Schlange und 


76 


später in einen Adler, um sich 
im Kampf mit dem Riesen Suttung 
in den Besitz eines magischen 
Rauschtrankes zu setzen. Genau 
das gleiche Motiv der beliebigen 
Transformation in andere Lebens- 
formen begegnet uns in dem 
Volksmärchen "Der Zauberer Wett- 
kampf" aus der Sammlung von 
Ludwig Bechstein. Hier verwan- 
delt sich der Zauberlehrling 
z.B. in ein Pferd, eine Schwal- 
be, einen magischen Ring, ein 
Hirsekorn und dann in einen 
Fuchs. Entscheidend ist dabei 
die Schnelligkeit, mit der er 
auf die Verwandlung seines magi- 
schen Gegners reagiert. Ähnlich 
auch der Gott Loki, der sich, um 
den anderen Göttern zu entkom- 
men, blitzschnell in einen Lachs 
verwandelt. Der Sinn all dieser 
Erzählungen liegt in einer be- 
stimmten Fähigkeit begründet, 
seinen Astralleib durch die 
Kraft des magischen Willens zu 
formen. 

Ihr tieferer Hintergrund 
liegt aber in der Erkenntnis, 
daß die tierischen Instinkte und 
Fähigkeiten evolutionsbedingter 
Bestandteil des menschlichen 
Wesens sind. 

Wir stehen nun immer vor 
der Alternative, diese zu ver- 
drängen und als "sündhaft" abzu- 
stempeln, wie dies in der chri- 
stlichen Ethik geschieht, oder 
sie zielgerichtet zu aktivieren 
und zu nutzen. 






Ähnliche Bedeutung haben 
auch die Attribute ODINS: Sein 
achtbeiniges Roß Sleipnir, daß 
auch als Sinnbild im Schamanis- 
mus eine große Rolle spielt, 
ebenso wie es an den edlen acht- 
fachen Pfad Buddhas erinnert. 

Dann sein Speer, ein Symbol 
des schöpferischen magischen 
Willens und vier Tiere, die als 
seine ständigen Begleiter um ihn 
gelagert sind - und zwar han- 
delt es sich um zwei Raben, 
Symbole des Geistes, sowie zwei 
Wölfe, Symbole triebhafter In- 
stinkte. Alle vier Tiere sind 
also Sinnbilder bestimmter Be- 
wußtseinsfunktionen. 

ODIN als ihr Herr verkör- 
pert die Herrschaft der göttli- 
chen Kraft im Menschen über 
seine niederen Eigenschaften. 

Die Einweihung ODINS, sein 
zentrales Erlebnis der magischen 
Wandlung, schildert das Runenge- 
dicht in der Liederedda: 


Odins Runenlied 


Zeit ist's zu reden vom Redner- 
stuhl. 

An dem Brunnen Urds 

Saß ich und schwieg, saß ich und 
dachte 

Und merkte der Männer Reden. 


Von Runen hört' ich reden und 
vom Raten auch 

Und vernahm auch nütze Lehren. 

Bei des Hohen Halle, in des 


Hohen Halle 
Hört! ich sagen so: 


Ich weiß, daß ich hing am windi- 
gen Baum 

Neun lange Nächte, 

Vom Speer verwundet, dem Ddin 
geweiht, 

Mir selber ich selbst, 

Am Ast des Baums, dem man nicht 
ansehn kann, 

Aus welcher Wurzel er sproß. 


Sie boten mir nicht Brot noch 
Metz 

Da neigt! ich mich nieder, 

Nahm Runen auf, nahm sie äch- 
zend: 

Da fiel ich ab zur Erde. 





Hauptlieder neun lernt! ich von 
dem hehren Sohn 

Bölthorns, des Vaters Bestlas, 

Und trank einen Trunk des teuren 
Mets 

Aus Odrörir geschöpft. 


Zu gedeihen begann ich und be- 
gann zu denken, 

Wuchs und fühlte mich wohl. 

Wort aus dem Wort verlieh mir 
das Wort, 

Werk aus dem Werk verlieh mir 
das Uerk. 


Runen wirst du finden und rat- 
bare Stäbe, 

Sehr starke Stäbe, 

Sehr steife Stäbe. 

Fimbulthul färbte sie, 

Asen arbeiteten sie. 

Sie ritzte der hehrste der Herr- 
scher, 

Odin den Asen, den Alben Dain, 

Dwalin den Zwergen, 

Alswidr den Riesen; einige 
schnitt ich selbst. 


0DIN erlangt also seine 
Erleuchtung ähnlich wie Buddha 
an einem heiligen Baum. Dieser 
steht hier aber für die Welten- 
esche Yggdrasil, die mit ihren 
Wurzeln und Zweigen den ganzen 
Kosmos durchdringt, der in der 
germanischen Mythologie 9 Welten 
umfaßt. Indem ODIN alle kosmi- 
schen Ebenen durchwandert, und 
auf jeder seine besonderen Er- 
fahrungen macht, gelangt er zur 
Vollkommenheit. 

Die Schlüsselrolle bei die- 
sem Mysterium aber bilden die 
Runen, Sinnbilder magischer und 
göttlicher Kräfte, sein Ergebnis 
ist, wie das Lied sagt, "...ein 
Trunk vom edelsten Met", d.h. 
die vollkommene Ekstase. 

Die Runen sind also keines- 
wess nur als Schriftzeichen 
benutzt worden, sondern sie gel- 
ten als Tore und Pfade zu ande- 
ren Existenzebenen und bestimm- 
ten Gottheiten. Die Praxis der 
Runenübungen, körperliche Runen- 
stellungen, Runengesänge und 
Runenmeditationen weisen uns 
hier einen gangbaren Weg. 


Matthias Wenger 





Der Scharfe Berg 


Eine der wichtigsten 
Kultstätten im Bereich des ein- 
gemauerten Teils Berlins ist die 
Insel Scharfenberg im Tegeler 
See. Sie ist nach Glienicker 
Werder und der Pfaueninsel die 
drittgrößte hier. Leider - oder 
glücklicherweise - ist sie für 
die Öffentlichkeit nicht frei 
zugänglich. Im Frühjahr 1984 war 
es Mitarbeitern und Interessen- 
ten unserer Heidnischen Gemein- 
schaft möglich, eine Begehung 
der Insel zu veranstalten, wobei 
ein dort Beschäftigter uns 
freundlicherweise führte. Die 
Insel erstreckt sich mit unre- 
gelmäßiger Küste über zwei Kilo- 
meter in Nordsüdrichtung und 400 
Meter in Ostwestrichtung. 


Obwohl die Insel von einer 
Schulfarm bewirtschaftet wird, 
sind große Teile mit nahezu 
unberührtem Wald bestanden, der 
allem Anschein nach nie intensiv 
forstwirtschaftlich genutzt 
wurde. So ist hier - vor allem 
im Norden der Insel - eines der 
letzten Gebiete, in denen die 
Eibe noch wild vorkommt. Außer- 
dem sind dort weite Teile des 
Erdbodens im Frühjahr mit wildem 
Lauch bedeckt, der den Wald an 
diesen Stellen mit durchdringen- 
dem, scharfem Zwiebelgeruch er- 
füllt. Namensgeber der ansonsten 






flachen Insel ist der nach dem 
wilden Lauch benannte Scharfe 
Berg, ein kleiner, waldbestande- 
ner Hügel im Nordteil der Insel. 
Ob es sich hierbei um ein großes 
Hügelgrab handelt oder ob es zur 
eiszeitlichen Moränenlandschaft 
des Barnim im Norden Berlins 
gehört, wäre noch zu erforschen. 


Vor der Christkolonisierung 
wurden hier die Walpurgisfeiern 
abgehalten. Vielleicht ist der 
Lauch ursprünglich aus kulti- 
schen Gründen hier angepflanzt 
worden. Die Benennung der großen 
Insel nach dem kleinen Hügel 
unterstreicht seine Wichtigkeit 
als Hexentanzplatz vor der 
christlichen Invasion. Die ebene 
Fläche an der Spitze des Hügels 
ist nur etwa acht bis zehn Meter 
groß. Nach einer alten Überlie- 
ferung soll sie bei den Wal- 
purgis-Ritualen von den Hexen 
plattgetanzt worden sein. Eine 
Sage im eigentlichen Sinne gibt 
es nicht. 


Ein Granitklotz mit einer 
tiefen, fast zylindrischen Aus- 
hölung liegt unweit des Strandes 
im seichten Wasser des Tegeler 
Sees. Obwohl Scharfenberg nie 
eine Mühle besessen hat, wird 
der Findling heute als Wider- 
lager einer Windmühlenachse be- 


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zeichnet. Wahrscheinlicher ist 
es jedoch, daß der Stein einst 
auf der Bergspitze lag und erst 
von frevelnder Christenhand hin- 
abgewälzt wurde. In der Erde 
eingelassen, eignet sich der 
etwa sechs Zentner schwere Brok- 
ken gut zum Verkeilen eines 
Holzpfahles. Man kann darin eine 
Queste, Irminsul, einen Maibaum 
oder eine der früher bei den 
Ostgermanen sehr gebräuchlichen 
hölzernen Götterfiguren errich- 
ten. Das könnte darauf hindeu- 
ten, daß der Berg entweder ver- 
schiedenen Zwecken als Thing- 
oder Kultstätte gedient hat oder 
daß der dort aufgestellte Gegen- 
stand vor räuberischen Feinden 
wie den Christen rasch in Si- 
cherheit gebracht werden konnte. 
Die Steinoberfläche mit dem Loch 
konnte leicht mit Erde verdeckt 
werden. 


Auf dem im Wasser liegenden 
Stein ist nicht zu erkennen, ob 
er heute unten festgemauert ist 
und ob das Loch eigentlich durch 
den Stein hindurch geht. Man 
kann zwar an den Seiten hinun- 
terfassen, ihn aber nicht bewe- 
gen. Das Loch hat einen Durch- 
messer von 23 cm und ist 25 bis 
30 cm tief. Die Bodenfläche ist 
schräg, mit ziemlich winkligen 
Rändern. Beschaffenheit und Be- 
arbeitungsspuren sind durch das 
ständig hineinschwappende Wasser 
und den starken, grünlich- 
schwarzen Algenbewuchs nicht zu 
erkennen. Vielleicht ist man mit 
der Herstellung des Loches nicht 
fertig geworden: Steine mit 
Seelen- oder Sonnenlöchern sind 
mehrfach an keltisch-germani- 
schen Kultstätten gefunden wor- 
den. 


Da bleibt denn noch eine 
sehr profane Deutung, die natür- 
lich eine frühere kultische Ver- 
wendung hier oder anderswo nicht 
ausschließt: Der Brocken könnte 
zur Befestigung des Taus einer 
früheren Inselfähre gedient ha- 
ben. Sollte der Stein am Origi- 
nalplatz am Strand liegen, 
könnte er mit einem Pfahl oder 
ähnlichem versehen als Landmarke 


für alle zu Wasser anreisenden 
Besucher gedient haben, da er 
direkt am Fuße des Hügels liegt. 
Noch vor wenigen Jahrzehnten 
soll der Stein an Land gelegen 
haben. Erst die Zerstörung des 
Schilfgürtels hat die Abtragung 
des Ufers bewirkt. Noch heute 
befinden sich Anlegestelle, 
Farm- und wWirtschaftsgebäude 
unweit von Stein und Hügel. 


Wie auch immer - sollte der 
Stein einem kultischen Zweck 
gedient haben, so hat er es 
sicher der Abgelegenheit der 
Insel zu verdanken, daß er vor 
christlicher Zerstörungswut 
verschont blieb. Wie durch ein 
Wunder ist anscheinend in der 
jahrhundertelangen Geschichte 
der Christkolonisierung auch 
kein Mönch oder Pfaffe auf die 
Idee gekommen, den Berg zu 
entweihen, auf dem Hügel eine 
Kirche oder Kapelle zu errichten 
- den Scharfen Berg zu 
"entschärfen". 


An der Südküste der Insel - 
gegenüber des Scharfen Bergs - 
liegt ein winziger Teich, der 
durch ein schmales Rinnsal mit 
dem Strand verbunden ist. Flüch- 
tige Ausgrabungen lassen hier 
eine vorgeschichtliche Siedlung 
vermuten. Im umliegenden Wald 
befinden sich verschiedene 
kleine Mulden und andere Boden- 
formationen, von denen ebenfalls 


genauer erforscht werden müßte, 
ob es sich hierbei um Reste von 
Besiedlung und Befestigung han- 
delt. Die ähnliche Ausdehnung 
und Strandnähe von Hügel im 
Norden und Teich im Süden deuten 
auf einen kultischen Zusammen- 
hang hin. Vielleicht war der 
Teich einst eine schützende 
Schiffs-Zuflucht für Einheimi- 
sche, die vom Wasser her nicht 
eingesehen werden konnte. 


Die hier geschilderten Din- 
ge sind für den Wissenden beein- 
druckend und sollten auch den 
Laien dafür interessieren, in 
der Umgebung seines Wohnortes 
mit Hilfe von Landkarten, Sagen 
und anderen Überlieferungen nach 
den Resten unserer alten, von 
der Kirche zerstörten Kultur zu 
forschen. 































Es liegt an uns bekennenden 
Heiden des 20.Jahrhunderts, die 
alten heiligen Stätten unserer 
Urahnen wieder ihrem ursprüngli- 
chen Zweck zuzuführen! Wir haben 
in den letzten Jahren im West- 
teil Berlins mehrere solche 
Stellen aufgespürt und wiederbe- 
lebt. Hier noch ein Tip: Bei 
Kultfeiern kommen immer wieder 
Passanten und Spaziergänger in 
die Nähe. Da wir Heiden in 
Deutschland bis heute keine ein- 
zige(!) Stätte alter Religiosi- 
tät unser eigen nennen können, 
sollten wir während der Kulte so 


tun, als wären die Außenstehen- 
den für uns Luft - auch wenn's 
schwerfällt. Diskussionen stören 
nur die Atmosphäre, ebenso fra- 
gendes oder schamhaftes Umschau- 
en. Das haben wir nicht nötig. 
Nehmen wir uns an dem Selbstver- 
ständnis ein Beispiel, das die 
Kleriker an den Tag legen. Denn 
merke: Wer über uns lächelt, den 
Kopf schüttelt oder uns politi- 
schen Extremismus nachsagt, 
steht geistig weit unter uns - 
Wissende tun so etwas nicht! 


Bernhard Schulz 





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